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Jessica Ehlebracht über die Yangon Film School in MyanmarKurzschnitt

Jessica Ehlebracht, Foto: "Die Hoffotografen"/Privat

Wir mussten den Dokumentarfilmgedanken erst einpflanzen.

Das war während meines Kunststudiums. Ich habe in den Niederlanden Bildende Kunst studiert und mich im dritten Jahr sehr viel mit Performance-Kunst beschäftigt. Und weil die Performance ein so flüchtiger Moment ist, wollte ich sie dokumentieren und habe sie gefilmt.

03.02.2015

von Cornelis Hähnel

Kannst du dich an den Moment erinnern, an dem du beschlossen hast, Filmeditorin zu werden?

Das war während meines Kunststudiums. Ich habe in den Niederlanden Bildende Kunst studiert und mich im dritten Jahr sehr viel mit Performance-Kunst beschäftigt. Und weil die Performance ein so flüchtiger Moment ist, wollte ich sie dokumentieren und habe sie gefilmt. Danach bin ich mit den Bändern in die Medienabteilung der Kunstakademie geschickt worden und saß an einem Drei-Maschinen-Schnittplatz und habe gelernt, wie man von VHS zu VHS schneidet. Ich habe zuvor auch schon viel mit Collagen gearbeitet und plötzlich gemerkt, wie toll es ist, Bewegtbild und Ton zusammenzuführen. Dann habe ich diesen Weg nach meinem Diplom sehr gezielt verfolgt und bin über diverse Praktika und Schnittassistenzen zum Schnitt gelangt.

Siehst du Parallelen zwischen der Montage und der bildenden Kunst? Bei beiden stellt man ja Dinge neu zusammen und schafft somit einen eigenen Kontext...

Ich finde, dass es sehr unterschiedliche Art und Weisen gibt, wie man diesen Beruf betrachten kann. Ich selbst bin sicherlich durch mein Kunststudium geprägt, ich arbeite gerne selbstständig und fühle mich beim Schnitt von Dokumentar- und Spielfilmprojekten am wohlsten, wenn Regisseure und Regisseurinnen meine Kreativität und meinen Gestaltungswillen spüren und mir den Raum geben, meine eigene Interpretation zu finden. Aber natürlich muss man bei der Montage eines Films berücksichtigen, – und das ist der Unterschied zur Bildenden Kunst – dass man an der Vision eines anderen arbeitet und auch Kompromisse finden muss.

Du arbeitest als Schnitttutorin an der Yangon Film School in Myanmar. Wie bist du zu dem Projekt gekommen?

Die Yangon Film School hat vor zehn Jahren angefangen zu arbeiten. Ich war Schnittassistentin bei timeline postproduction services in Berlin, als die Filmemacherin Lindsey Merrison, die selbst anglo-burmesischer Herkunft und heute die Leiterin der Filmschule in Myanmar ist, mit einem langen Dokumentarfilmprojekt zu uns kam. Ich habe damals stundenlang Material für sie von Anhängern des Nat-Kults eingeladen. Neben dem Buddhismus, der zu 90% den Glauben in Myanmar ausmacht, ist dieser Kult offiziell toleriert und wird vielfach praktiziert. Nats sind Untote, irgendwo zwischen Göttern und Geistern angesiedelt. Es gibt viele homosexuelle Männer, die in die Rolle des Mediums steigen, um die Geister zu befragen. Dafür kostümieren und schminken sie sich, stecken sich Tüll ins Haar und feiern mit lauter traditioneller burmesischer Musik und wildem Tanz.
Beim Einladen des Materials habe ich mich damals gefragt: Was sind das für Leute und was, um Himmels Willen, machen die da? Ich hatte noch nie etwas von Myanmar gehört. Als ich dann Lindsey Merrison wieder traf, sagte ich: Du musst mir alles darüber erzählen, das ist so verrückt. Sie hat gemerkt, wie sehr mich das alles begeistert und am Ende gesagt: »Weißt du, Jessica, wenn ich irgendwann mal wieder hinfahre, nehme dich mit. Versprochen!« Und vier Jahre später hat sie mich angerufen und gefragt: »Du, ich fahre nach Myanmar um den jungen Leuten zu zeigen, wie man Dokumentarfilme macht. Kommst du mit?« Und da bin ich mitgefahren und seitdem ein Rädchen im Getriebe.

Ich kann mir vorstellen, dass das Projekt aufgrund des Militärregimes kein leichtes Unterfangen war.

Anfangs war es dort wirklich riskant. Wir sind abgehört und teilweise von Spionen verfolgt worden, das war schon unheimlich. Wir mussten häufig auch codierte E-Mails schreiben, wenn wir Leute in Deutschland kontaktieren wollten. Wir dachten auch, wir gehen einmal dort hin, dann bekommt das Militär das spitz und hält unsere Arbeit für zu regimekritisch. Aber wir durften wiederkommen. Und das geht jetzt seit zehn Jahren so. Anfangs haben wir kaum von unserem Projekt erzählt, weil es so ein kleines, kostbares Pflänzchen war und wir hatten Sorge, dass Studenten verhaftet werden könnten. Doch mittlerweile öffnet sich das Land und wir müssen praktisch die Werbetrommel rühren, damit wir im Spiel bleiben. Es hat sich also sehr viel getan seitdem.

Wie wurde das Angebot damals angenommen? Gab es gleich Interesse?

Die Idee ist überhaupt erst entstanden, weil Interesse da war. Als Lindsey Merrison selbst zum Filmen in Myanmar war hat sie viele junge Leute getroffen. Es gibt dort zwar keine große Filmszene, aber das Land hat ein unglaubliches Potenzial an Kreativen, die aber aufgrund des Regimes ein ganzes Stück weit in ihrer Freiheit gefangen waren. Und diese jungen Menschen haben Lindsey voller Neugier gefragt, was sie dort mache und da hat sie beschlossen: Ich möchte denen beibringen, wie man Dokumentarfilme macht. Sie hat dann viele Reisen gemacht und Kandidaten interviewt, die sie sehr spezifisch ausgesucht hat. Junge Frauen und Männer, bei denen sie einen Funken in den Augen gesehen hat, wie sie es immer nennt. Sie kamen aus allen möglichen Bereichen.

Also keine Dokumentarfilmer?

Dokumentarfilm gab es in diesem Land einfach nicht. Es gab Propagandafilme, nach dem Motto: Wie schön sind doch unsere Pagoden, also eher touristisch, oder  Militärparaden. Aber es gab keinen Dokumentarfilmgedanken. Den mussten wir erst einpflanzen.

Bei der Yangon Film School geht es also nicht nur eine Vermittlung von technischen Grundlagen, sondern auch eine Art Filmvermittlung, Filmpädagogik.

Nicht nur das, es ist auch der Gedanke von Demokratie. Die meisten Myanmar sind gar nicht gewohnt, sich selber auszudrücken. Bei unserem ersten Workshop haben die Studenten ihren ersten Zehnminüter gedreht. An einem Tag haben wir gemeinsam einen Rohschnitt geguckt und gefragt, wie sie den Film fanden. Es folgte ein Schweigen, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Irgendwann hat sich ein Mädchen getraut und ist – sehr korrekt und respektvoll – aufgestanden und hat gesagt: »I think it was boring«. Da haben wir Lehrer alle geklatscht, denn es war einfach ein noch total langweiliger Schnitt. Aber sie hatte sich getraut, es zu sagen.
Im Laufe der Jahre hat sich das etwas verändert. Das Projekt hat sich mittlerweile rumgesprochen, die jungen Leute wissen, dass sie bei uns machen können was sie wollen, dass bei uns Demokratie herrscht. Die neuen Studenten sind daher auch wesentlich redelustiger und manchmal sogar ein bisschen aufmüpfig, worüber wir uns immer freuen.

Wie sieht denn die Kinolandschaft in Myanmar generell aus?

Ich versuche immer, wenn ich ein wenig Zeit habe, in Myanmar ein bisschen zu reisen und ich habe in der Stadt Mawlamyine ein altes Kino entdeckt, aus den 1960er Jahren. Die hatten noch einen Projektor, der mit Kohle betrieben wird und damit machen die jeden Tag noch Vorstellungen. So etwas gibt es dort, natürlich vor allem in größeren Städten, das ist von den Engländern dageblieben. Ich bin auch einmal in die Berge gewandert und habe eine Nacht im Kloster geschlafen und lag todmüde vom Aufstieg in der Ecke als sich plötzlich der Saal füllte. Es kamen lauter Dorfbewohner, vor allem Frauen und Kinder und die haben dann zusammen mit den Mönchen Action-Filme gekuckt und haben sich vor Freude auf die Schenkel geklopft wenn ein Auto explodiert ist. So ist dann Filmkultur bei denen auf dem Land. Sie machen aus der Not eine Tugend und es ist schön gesellig.

Der asiatische Raum hat ja eine andere Tradition Geschichten zu erzählen. Hast Du das Gefühl, dass die Studenten ihre Filme anders erzählen, dass es einen anderen Blick auf Geschichten gibt?

Ich will ja nicht sagen, dass die Art und Weise, wie wir Film erzählen und montieren, die „richtige“ ist, aber natürlich versuchen wir unseren Studenten erst mal das Handwerk zu vermitteln, was wir hier gelernt haben, was für uns funktioniert. Was sie letztlich damit machen ist ihre Sache. Sie sollen ja auch ihre eigenen Ausdrucksformen finden, wir wollen ihnen ja nicht einen westlichen Filmstil überstülpen.
Aber wie gesagt, Dokumentarfilm gab es in Myanmar nicht. Wir installieren das sozusagen jetzt mit den Studenten, die wir dort ausbilden. Damit sie ihre Geschichten über ihr Land erzählen können und nicht nur Leute von außen kommen und es tun.

Es gibt aber eine Spielfilmszene in Myanmar. Da werden Drehbücher in Windeseile geschrieben und abgedreht, von jeder Einstellung gibt es nur einen Take und für einen 90-minütigen Film gibt es eine Woche Schnittzeit, inklusive Vertonung und Musik.
In diesem Tempo arbeiten auch meist die Studenten, die schon im Filmgeschäft waren. Sie schneiden bei uns und sagen ganz schnell: Ich bin fertig. Sie sind nicht gewohnt, sich alles in Ruhe anzugucken und eine Bildanalyse zu machen, weil sie denken, es reicht, wenn sie Eins und Eins zusammentun. Wir bringen ihnen bei, erst einmal richtig hinzusehen und herauszufinden, wie welche Wirkung am besten erzielt werden kann. Ich hab am Anfang noch Diskussionen mit einem Studenten gehabt, der sagte: Sehr schön was Ihr uns hier beibringt, aber bei uns hier im Land findet das keiner cool, das versteht keiner. Da habe ich ihm geantwortet: Warte doch mal ab, natürlich müssen auch die Sehgewohnheiten langsam geschult werden.

Gibt es bereits erste Erfolge?

Ja, frühere Studenten von uns haben ein eigenes Filmfestival, das Wathann Filmfest,  initiiert. Der Eintritt ist frei und Leute von der Straße können einfach hereinkommen und schauen, was es dort gibt und so etwas über Dokumentarfilm lernen. Teilweise gehen sie mit Tränen wieder heraus, weil sie sich wiedererkennen oder weil sie plötzlich eine Problematik verstehen. Einmal ging es zum Beispiel um den großen Fluss, den Ayeyarwaddy, der Hauptader des Landes. Chinesen planten dort ein Staudammprojekt, um Strom abzuziehen. Dank eines Dokumentarfilmes über diese Problematik haben auch die Normalbürger verstanden, was da passiert und angefangen, darüber zu diskutieren. Das war vor ein paar Jahren noch undenkbar.

Du hast gesagt, dass ihr den Dokumentarfilm dort erst vermitteln musstet. Kann man überhaupt die Relevanz der Montage herausarbeiten oder muss man eher ganzheitlich denken und den Dokumentarfilm an sich den Studenten näherbringen?

Wir sorgen schon dafür, dass der Schnitt nicht zu kurz kommt und versuchen auch, dessen Bedeutung von Anfang an zu vermitteln. Aber jeder Student, ob er sich für Regie, Ton oder Kamera interessiert, muss zumindest einen Schnitt-Kurs belegen. Generell sind unsere Workshops so aufgebaut: In den ersten Wochen lernen die Studenten was Dokumentarfilm ist und sie drehen ihre ersten Filme. Danach lernen Sie mehr über Ton und Kamera. Das Material, das dort entsteht, wird dann im Schnitt-Kurs für Übungen benutzt.
Ich bemühe mich immer darum, dass alle Studenten einmal das gleiche Material bearbeiten, damit sofort sichtbar wird, welche unterschiedliche Wirkung Montage haben kann. Es gibt ja tausende von Interpretationsmöglichkeiten. Diese Erkenntnis, dass es unterschiedliche Qualitäten gibt, in der Emotionalität oder der Spannung, das wollen wir den Studenten gleich mitgeben. Nach meinem letzten Workshop haben acht von 12 Studenten gesagt, dass sie Schnittmeister werden möchten. Das hat mich natürlich sehr gefreut, zu hören!.

Kannst du dich an ein besonderes Erfolgserlebnis erinnern?

2008 gab es eine große Sturmkatastrophe in Myanmar. Ein Jahr zuvor war gerade der friedliche Aufstand der Mönche, die Safran-Revolution, blutig niedergeschlagen worden. Der Sturm hatte damals das ganze Hauptreisanbaugebiet betroffen, Hunderttausende sind dabei umgekommen. Aber das Regime hat sich geweigert, Helfer ins Land zu lassen. Selbst Landsleute durften nicht in die Region fahren, um zu helfen, denn die Militärs hatten Angst, dass die Stimmung im Land kippt und eine Revolution entsteht. Und so sind viele Menschen umgekommen, weil sie keine Hilfeleistung erhalten haben. Meine Kollegin Ulrike Schaz war damals vor Ort und hat zu unseren Studenten gesagt: »Ihr seid Dokumentarfilmer. Es ist Eure Aufgabe, hinauszugehen und zu filmen!« Und einige haben es gewagt und sind in die betroffene Region gereist und haben mit versteckter Kamera gefilmt. Sie haben beobachtet, wie die Leute mit dem just Erlebten umgehen, dem Trauma, dem Verlust. Wir haben dann ein Kleines Fernsehspiel daraus machen können und der Film lief auf Festivals in der ganzen Welt und wurde prämiert. Lange wurde er nur mit verdeckten Namen im Abspann gezeigt. Als er vor zwei Jahren auch in Myanmar lief, hat er alle zu Tränen gerührt, auch weil es endlich möglich war, den Film dort öffentlich vorzuführen. Das war sehr ergreifend!