TELEFON 030 - 23 63 38 66 Mitglied werden intern
Bitte BFS-Benutzernamen und Passwort eigeben:
Volltext-Suche in der Website English

 

Florentine Bruck
und Sven BudelmannKurzschnitt

Florentine Bruck (Privat), Sven Budelmann (Privat)

Wer sich für die Selbstständigkeit entschließt, sollte sich beraten lassen. (Bruck) Es ist eine Intuition und ein Gefühl, wie man mit dem Material umgeht – es gibt niemanden, der mir das vorsagt. (Budelmann)

Viele Auftraggeber verlangen von selbstständigen Filmeditoren einen sogenannten Freistellungsbescheid der Deutschen Rentenversicherung. Der soll die Scheinselbstständigkeit ausschließen.

14.11.2011

Die Kunst, frei zu sein

Viele Filmeditoren fühlen sich dem Statusfeststellungsverfahren ausgeliefert

Frei zu arbeiten, das ist für Filmeditoren nicht immer einfach. Viele Auftraggeber verlangen von selbstständigen Filmeditoren einen sogenannten Freistellungsbescheid der Deutschen Rentenversicherung. Der soll die Scheinselbstständigkeit ausschließen. Nicht wenige Filmeditoren fürchten jedoch das Verfahren der Statusfeststellung durch die Deutsche Rentenversicherung. Denn selbst wer für vergangene Projekte problemlos einen Freistellungsbescheid erhielt, kann plötzlich abgelehnt werden. Mancher wartet mehrere Monate auf den Bescheid und verzichtet sogar auf einen Teil seiner Gage.
            „So geht das nicht weiter!“, sagen selbst renommierte Kollegen wie Florentine Bruck und Sven Budelmann. Auch sie haben mit dem Statusfeststellungsverfahren ganz kuriose Erfahrungen gemacht. Die BFS-Mitglieder wollen die Situation für die Kollegen verbessern helfen – in diesem Sinne sprachen sie vor kurzem mit der filmpolitischen Sprecherin der SPD im Bundestag, Angelika Krüger-Leißner, die ihrerseits deshalb an die Deutsche Rentenversicherung herangetreten ist.

 

Florentine Bruck kam frisch nach ihrem Abitur  schon 1977 mit der Kunst des Schnitts in Berührung, zunächst im Schneideraum von Klaus Dudenhöfer, später beim Geyer Kopierwerk in Hamburg. Von der Schnittassistenz über Script-Continuity und Regieassistenz realisierte sie als Filmeditorin zuletzt zahlreiche Projekte mit Hans-Christoph Blumenberg und die preisgekrönte Dokumentation „Aghet“. Nach einer Nominierung für den Deutschen Kamerapreis wurde sie 2003 mit „Planet der Kannibalen“ für den Schnittpreis Filmplus nominiert.

Frau Bruck, warum haben Sie denn Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – lange Zeit arbeiteten Sie in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen? 

Ich bin erst 2008 in die Künstlersozialkasse eingetreten. Wie bei vielen anderen Kollegen, hat mich die Hartz IV-Gesetzgebung dazu bewogen. Bis dahin hatte ich immer in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt und immer fehlten mir am Ende einer Produktion bei der Meldung der Arbeitslosigkeit ein paar lächerliche Tage.

Über Jahre hatte ich also in die Arbeitslosenversicherung gezahlt, dabei nie Arbeitslosengeld bekommen können. Irgendwann habe ich mich entschieden. Ich werde selbstständig. Es war eine pragmatische Überlegung, die von meinem Steuerberater und meinem Anwalt befürwortet wurde. Das kann ich auch jüngeren Kollegen ans Herz legen: Wer sich für die Selbstständigkeit entschließt, sollte sich beraten lassen. Denn es herrscht teilweise noch unheimlich viel Halbwissen und es gibt schon fast so etwas wie Legendenbildung: Wer Kaffee über den Rechner schüttet, muss dafür als Selbstständiger aufkommen.

Kann die Produktionsfirma einen Freistellungsbescheid verlangen, obwohl der Filmeditor bei der KSK und auch beim Finanzamt selbstständig gemeldet ist?

Viele Produktionsfirmen fürchten die Scheinselbstständigkeit der Mitarbeiter. Editoren sind genauso davon betroffen wie andere Gewerke. Es gab Fälle, bei denen die Produktionsfirma, etwa nach Betriebsprüfungen, im Nachhinein die Sozialabgaben bezahlen musste. Editoren, die das ganze Jahr über für eine Produktion arbeiten und keine unterschiedlichen Arbeitgeber haben, gelten oft schon per se als nicht selbstständig. In diesem Fall kann der Filmeditor durchaus Mitglied bei der KSK und beim Finanzamt als Selbstständiger angemeldet sein. Es gibt natürlich auch Kollegen, die nicht in der KSK sind. [vgl. hierzu im Folgenden  das Interview mit Sven Budelmann – Anmerk. d. Verf.]

Ich werde also von einem Produktionsleiter angerufen und sage, ich bin Mitglied in der Künstlersozialkasse, bin auch beim Finanzamt selbstständig gemeldet möchte gerne auf Rechnung arbeiten. Seine erste Frage lautet deshalb oft: Hast Du auch eine Freistellung von der Deutschen Rentenversicherung? Das ist der Knackpunkt. Als Mitglied bei der Künstlersozialversicherung zahle ich ja meine Rentenbeiträge. Doch viele Produktionen wollen trotzdem die Befreiung von der Sozialversicherungspflicht durch die Deutsche Rentenversicherung. Eine pauschale Befreiung von dieser Versicherungspflicht gibt es nicht.

Diese Befreiung kann mit dem Statusfeststellungsverfahren beantragt werden. Vor welche Probleme stellt dieses Verfahren gerade einen Filmeditor?

Hier gibt es die wunderbare Frage im Feststellungsantrag: „Arbeiten Sie weisungsgebunden?“. Dieser Ausdruck ist natürlich Auslegungssache. Natürlich gibt es immer jemanden, der über den Filmschnitt entscheiden kann. Das kann der Produzent sein, der ein Umschneiden wünscht oder die Redaktion. Wir haben es leider mit deutscher Amtssprache zu tun. Und die ist schwammig.

Dabei gibt es doch einen Abgrenzungskatalog, der Kriterien der selbstständigen Arbeit umreißt…

Trotzdem herrscht bei den Behörden leider noch immer Unverständnis über unsere Art zu arbeiten. Die können sich nicht vorstellen, dass man bis zu 14 Stunden arbeitet oder dass man schöpferisch-gestaltend schneidet, während parallel noch gedreht wird. Es kommt dann meistens die Frage: Steht keiner dahinter, der festlegt, wo geschnitten wird? Es herrscht bei vielen Sachbearbeitern ein ziemliches Unwissen über die verschiedenen Voraussetzungen unserer Arbeit. Ein Avid in der häuslichen Kammer stellt noch kein Kriterium für die Selbstständigkeit. Es geht um die programmgestaltende Arbeit, nicht darum, auf welchem Gerät ich arbeite oder wo das Gerät steht.

Welche Erfahrungen hatten Sie bislang mit dem Statusfeststellungsverfahren? 

Zwei Mal habe ich das Feststellungsverfahren durchstehen müssen, davon ging eines zu meinen Gunsten aus. Zwischen Antragsstellung und Entscheidung ist man zum Warten gezwungen. Manchmal heißt es sogar, auf seine Gage zu verzichten. Als Filmeditor befindet man sich auf unsicherem Gebiet, wobei man oft den Eindruck hat, von der Willkür der bearbeitenden Stellen abhängig zu sein. Während mein erstes Feststellungsverfahren anstandslos durchging, war das beim zweiten Mal nicht der Fall. Dabei hatte ich das auf dieselbe Weise begründet, nämlich dass ich selbstständig, nicht weisungsgebunden und programmgestaltend arbeite. Das zweite Verfahren zog sich über eineinhalb Jahre hin. Es wurde letztlich eingestellt, weil es verjährte. Eine Nachzahlung entstand nicht. Dazwischen habe ich bereits drei weitere Produktionen umgesetzt – auf Rechnung. Denn selbst wenn das Feststellungsverfahren läuft, gibt es quasi eine Amnestie: Ich kann wählen, ob ich auf Lohnsteuerkarte oder auf Rechnung arbeite. Trotzdem kostete das Warten auf die Entscheidung des Statusfeststellungsverfahrens Nerven und Zeit.

Ist das Statusfeststellungsverfahren eigentlich gesetzlich vorgeschrieben? 

Es gibt keine Pflicht, ein Statusfeststellungsverfahren beantragen zu müssen. Es ist eine Empfehlung der Deutschen Rentenversicherung an die Filmproduktionen, bei Zweifel auf Scheinselbstständigkeit ein Statusfeststellungsverfahren zu beantragen. Ob diese Empfehlung gerade für selbstständig arbeitende Filmschaffende sinnvoll ist, muss hinterfragt werden.

Eine Empfehlung eröffnet Chancen auf Veränderung. Als Mitglied des BFS sind Sie jüngst zusammen mit Sven Budelmann an die filmpolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Angelika Krüger-Leißner, herangetreten… 

Machbar ist eine ganze Menge. Der BFS hat einiges ausgerichtet, wie die Beteiligung der Editoren an der VG Bild-Kunst. Als Urheber anerkannt zu sein, das ist auf die engagierte Initiative vom damaligen BFS-Vorstand Barbara Hennings zurückzuführen.

Zusammen mit Sven Budelmann sprach ich nun mit Frau Krüger-Leißner und ihrem Referenten Thomas Schäfer. Dabei haben wir auf das Problem des Statusfeststellungsverfahrens aufmerksam gemacht. Sie hat reagiert und als Auftakt eine Eingabe an das Bundesarbeitsministerium und die Deutsche Rentenversicherung gemacht, in der sie das Problem hinterfragt hat. Die Antwort auf diese Eingabe war jedoch schwammig: Das Problem sei zwar erkannt, hieß es in dem Schreiben. Allerdings führe man das Dilemma des Feststellungsverfahrens darauf zurück, dass sich die Kulturschaffenden nicht mit ihren Arbeitgebern einigten. 

Dabei gibt es bei Filmschaffenden durchaus einen Konsens: Es geht uns um eine klare Entscheidung der Politik und in letzter Konsequenz natürlich der Deutschen Rentenversicherung, dass selbstständiges Arbeiten (auf Rechnung) in Ordnung ist. Denn es hat ja bei Filmschaffenden schon immer beides gegeben: die Arbeit auf Lohnsteuerkarte und Rechnung. Diesem Grundsatz sollte die Rentenversicherung entsprechen und das den Filmschaffenden signalisieren. Eine klare Aussage aber fehlt hierzu.

Dabei haben Sie zusammen mit Sven Budelmann einen eigenen engagierten Ansatz entwickelt, wie sich die Dinge ändern könnten. Was haben Sie vorgeschlagen? 

Im Gespräch mit Frau Krüger-Leißner haben wir vorgeschlagen, uns gerne den Bearbeitern der Feststellungsverfahren vorzustellen und über unsere Arbeitsweise aufzuklären. Das Angebot geht auch dahin, Vertreter der Deutschen Rentenversicherung an unseren Arbeitsplatz heranzuführen. Es gab von unserer Seite aber noch einen weiteren Vorschlag, der an die strukturellen Bedingungen des Feststellungsverfahrens anknüpft:

Kommt es zu einem Statusfeststellungsverfahren, sollten bestimmte Filmformate automatisch programmgestaltende Arbeit implizieren. Wenn also nachgewiesen wird, dass ein Filmeditor eine Fernsehserie, einen Fernseh- oder Kinospielfilm oder einen Dokumentarfilm umsetzt, sollte das ein Statusfeststellungsverfahren automatisch ausschließen. Es gibt allerdings unter Umständen Grauzonen, etwa bei Magazinbeiträgen oder Features – da sitzen oft Redakteure dahinter und entscheiden mit. Für diese Kollegen wäre ein Statusfeststellungsverfahren wiederum sinnvoll. 

Eine weiterführende Lösung wäre, dass die Rentenversicherung bei großen Zweifeln in bestimmten Fällen sich bei zu benennenden BFS-Mitgliedern informieren kann. Der Verband würde dann quasi als Schlichter zwischen den Parteien agieren.

Wie geht es jetzt weiter, nachdem die Vorschläge unterbreitet wurden?

Nach unserem Sommergespräch mit Frau Krüger-Leißner ist nun tatsächlich ein Gespräch mit der Deutschen Rentenversicherung geplant. Jetzt geht es nur noch um die Terminfindung.                                 

                    <<<<<<<<<<<<<<<<<<.>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Sven Budelmann begann 1994 als freier Filmeditor von Imagefilmen und News, bis sein Talent für den Schnitt von Musikvideos und Werbung entdeckt wurde. Den Bronzenen Löwen in Cannes erhielt er 2003 für den McDonalds-Spot „Outtakes“ unter der Regie von Andreas Hoffmann, ein Jahr darauf gab es den Löwen in Silber für den Audi-Spot „The Graduate“ von Michael Bay. Viele weitere Auszeichnungen folgten. Zu seinen jüngsten Kinospielfilmarbeiten gehören „Nordwand“ und „Goethe!“ von Philipp Stölzl. Sven Budelmann ist Mitglied in der Deutschen Filmakademie. Aktuell ist der Filmeditor mit „Goethe!“ für den Schnittpreis Filmplus nominiert.

Herr Budelmann, Sie hatten zuletzt während der Produktion „Goethe!“ mit einem Statusfeststellungsverfahren zu tun. Allerdings schneiden Sie sehr erfolgreich Musikvideos und Werbefilme. Was waren bislang ihre Erfahrungen?

Seit 1994 bin ich freier Filmeditor. 1999 gab es einen Boom der Medienbranche, die Firmen fürchteten Betriebsprüfungen. Zu dem Zeitpunkt habe ich das erste Mal ein Statusfeststellungsverfahren beantragen müssen. Ein Jahr später habe ich nach drei Ablehnungen schließlich einen recht selbstsicheren Brief an die Deutsche Rentenversicherung geschrieben: Sicherlich schneide ich Musikvideos nicht aus dem Grund, weil ich weisungsgebunden arbeiten kann – sondern weil ich ein gewisses Talent besitze. Weil ich Angst hatte um eine Ablehnung seitens der Deutschen Rentenversicherung und damit Angst um meine Existenz, habe ich auch einen Anwalt für Sozialrecht engagiert. Und damit habe ich dann eine Freistellung bekommen. Ich hatte sogar noch mehr Glück: Der Bescheid war von der Deutschen Rentenversicherung so formuliert, dass er nicht auf ein einziges Projekt gemünzt war. Genannt waren eine ganze Reihe von Firmen, was ein sehr großes Spektrum abdeckte. Somit konnte ich über viele Jahre hinweg dieses Formular an die jeweiligen Firmen schicken, die sich darin wiederfanden. Ich hatte also eine Art Freibrief von der Deutschen Rentenversicherung bekommen, wovon ich dann bis „Nordwand“ im Jahr 2004 profitierte. Eigentlich gibt es natürlich keine pauschale Befreiung. Es kam aber hinzu, dass einige Buchhaltungen der Produktionsfirmen in diesem Bereich recht unwissend waren. Einige wussten gar nicht, dass die Firma einen Freistellungsbescheid verlangen kann. Auch dass die Deutsche Rentenversicherung auf jeden einzelnen Job hin prüft, wussten viele nicht. Ich hatte eben das Glück, dass mein Sachbearbeiter eine recht universelle Formulierung gewählt hatte.

Viele andere Kollegen müssen das Verfahren bei jedem Projekt beantragen. Welche Schwierigkeiten sehen Sie gerade im Bereich der Produktion von Musikvideos und Werbeclips?

Hätte jede einzelne Firma bei jedem einzelnen Job einen Antrag auf das Feststellungsverfahren verlangt, hätte ich meinen Beruf gar nicht ausüben können. Jährlich mache ich etwa fünfzig Jobs. Zu Beginn meines Werdegangs habe ich viele Musikvideos geschnitten, seit acht Jahren ist es vermehrt die Werbung – ich bin alle paar Tage in einer anderen Firma tätig. Es ist doch völlig ausgeschlossen, dass ich drei, vier Mal im Monat ein Statusfeststellungsverfahren beantragen muss und dann noch mehrere Wochen auf den Bescheid warte. Das kann aber tatsächlich passieren. Es ist reine Glückssache.

Wie viele Statusfeststellungsverfahren mussten Sie bislang durchlaufen und welchen Konsequenzen sähen Sie sich bei einem künftigen Verfahren und einer Ablehnung konfrontiert?

Bisher waren es drei Verfahren. Ich habe gleich zu Beginn meiner Karriere als Freiberufler, nämlich 1994, meine komplette Altersabsicherung in die Wege geleitet. Ein Fünftel meines Einkommens investiere ich in meine private Rentenversicherung. Es ist das Gleis, das ich vor vielen Jahren eingeschlagen habe und bis heute befahre. Sollte ich tatsächlich in diese Situation kommen, in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen zu müssen, dann würde ich zusätzlich zu meiner privaten Vorsorge zahlen. Damit entsteht eine doppelte Belastung. Es wäre allerdings auch Unsinn, gleich meine private Rentenversicherung nach fünfzehn Jahren zu kündigen – womöglich nur wegen der Willkür eines Sachbearbeiters. Dieses ganze Verfahren dient doch im Grunde dem Schutz des Arbeitnehmers. Nur, ich habe mich freiwillig für ein gewisses Risiko entschieden als Arbeitnehmer. Das habe ich für mich kalkuliert und sorge selbst für meine Altersabsicherung. Ich kann nachweisen, dass ich der gesetzlichen Rentenversicherung nicht auf der Tasche liegen werde. Deshalb sollte das mir überlassen werden.

Sie haben auch Briefwechsel gesammelt zwischen der Deutschen Rentenversicherung und einer Reihe von Filmeditoren. Was zeigen diese Dokumente?

Viele Kollegen haben mir Unterlagen zukommen lassen. Sie zeigen, welcher Willkür die Kollegen bei diesem Verfahren unterworfen sind. Ein Filmeditor hat einen Mehrteiler für eine größere Produktionsfirma geschnitten und hatte einen Werkvertrag. Damit hatte er keine Probleme, sein Statusfeststellungsverfahren wurde durchgewunken. Wenige Jahre später schnitt er wieder einen Mehrteiler, wieder für die selbe Produktionsfirma. In seinem Antrag hat er nur den Titel des Films ausgetauscht, sonst blieb die Formulierung exakt die gleiche. Er wurde abgelehnt, derzeit läuft ein Gerichtsverfahren. Ein anderer Kollege, er schneidet Produktionen mit einem Budget von einer Million Euro, wurde sogar von einem Sachbearbeiter der Deutschen Rentenversicherung angegangen: Warum er denn schon wieder ein Feststellungsverfahren haben möchte? Er hätte doch vor einem halben Jahr schon mal einen Bescheid bekommen.

Man ist ausgeliefert, denn die Produktionsfirmen drängen eben oft auf einen Freistellungsbescheid. Dabei versprechen sich die Firmen eine Absicherung gegenüber der Deutschen Rentenversicherung. Leider gibt es aber kein solches Instrument, das letztlich beiden Seiten Gewissheit zusichert. Das ist das Grundproblem. Die Entscheider aber, etwa Produktionsleiter, hören aus ihrer Buchhaltung die Behauptung, dass ohne ein Statusfeststellungsverfahren ein Risiko für die Firma bleibt. Keiner hinterfragt näher, ob das Risiko mit dem Verfahren wirklich aufgehoben ist. Um auf Nummer Sicher zu gehen, müssen wir Freiberufler das Prozedere erdulden. Im Prinzip kann es der Firma ja egal sein, ob wir per Rechnung oder Lohnsteuerkarte abgerechnet werden.

Das Statusfeststellungsverfahren prüft die künstlerische Arbeit. Formate wie Spielfilm oder Dokumentarfilm implizieren diese automatisch.  Mit dieser Anerkennung  wäre eine Statusfeststellung obsolet. So lautet der Vorschlag, den Sie zusammen mit Florentine Bruck an die filmpolitische Sprecherin der SPD, Angelika Krüger-Leißner, herangetragen haben.

 

Wie viel selbstständiges Arbeiten steckt aber im Musikvideo oder im Werbefilm?

Für mich waren Musikvideos die Geburtsstätte meiner kreativer Schnittleistung. Es ist das kreativste Spielfeld, das man sich überhaupt vorstellen kann. Nirgendwo habe ich als Filmeditor so viele Freiheiten. Man schneidet qualitativ hochwertiges Bildmaterial und da ist alles erlaubt. Das Musikvideo hat innovative Kraft und auch Einfluss auf die Filmkunst schlechthin: Von der Bildsprache über das Schnitttempo bis hin zum extremen Farbgrading oder technischen Spielereien mit Grafikelementen – sämtliche diese Elemente wurden zunächst in Musikvideos verwendet und waren schließlich stilprägend bei namhaften Kinospielfilmproduktionen wie „Fight Club“ oder „Traffic“.

Man sollte aber nicht auf dem künstlerischen Anteil eines Filmeditors rumreiten. Zweifellos ist das Medium Film eine Kunstform. Die Schnittleistung hat aber nicht immer den gleichen künstlerischen Anteil an einem Spielfilm, wie an einem Magazinbeitrag. Was ich viel entscheidender finde bei einem Filmeditor, das ist die eigenschöpferische und programmgestaltende Arbeit. Das kann mal mehr und mal weniger künstlerisch sein. Entscheidend ist aber, es ist aus einem selbst heraus entstanden. Es ist eine Intuition und ein Gefühl, wie man mit dem Material umgeht – es gibt niemanden, der mir das vorsagt.

Und trotzdem gibt es neben dem Filmeditor auch andere Entscheider, die ein Mitgestaltungsrecht haben – ob ein Produzent, ein Regisseur oder ein Redakteur…

Da kann ich ein gutes Beispiel geben: Bei einer Werbung bin ich im Durchschnitt vier Tage beschäftigt. Am ersten Tag arbeite ich komplett alleine. Ich habe manchmal zwei Stunden Rohmaterial, manchmal fünf. Das wird selektiert, daraus mache ich den allerersten Schnitt. Am zweiten Tag kommt der Regisseur hinzu und der guckt sich das Material stellenweise an. Das Material weist etwa vierzig Schnitte auf, zusammen mit dem Regisseur ändere ich lediglich ein, zwei Schnitte. Am dritten Tag kommt die Werbeagentur dazu, dann beginnt das Tauziehen. Am vierten Tag findet schließlich die Präsentation vor dem Kunden statt. Der bezahlt zwar am Ende die Rechnung und könnte vielleicht noch Einfluss nehmen – aber man muss bedenken, dass der Kunde einen bestimmten Regisseur engagiert hat und von dem ein bestimmtes Endprodukt erwartet. Die wenigsten trauen sich, in diese Materie einzutauchen. Das wäre so, als ob man einem Flugzeugingenieur reinreden wollte, wie er die Flugzeugtragflächen besser bauen sollte. Diese Arbeit also, die ich am ersten Tag mache – das sind 95 Prozent des Films. Alles weitere entsteht als Symbiose mit dem Regisseur, wobei ich in die Vorlage gehe, bis der Film steht. Zusammen mit ihm werde ich engagiert, weil das Produkt eine bestimmte Handschrift ergibt. Es ist vergleichbar mit dem Schreiben eines Romans: Der Filmeditor montiert den Gedankenstrom erst zu einer Erzählung und kreiert die Bedeutung, die evoziert werden soll.

Ob die Wahl des Arbeitsplatzes oder der künstlerische Anteil – wo müsste beim Fragenkatalog des Statusfeststellungsverfahrens nachgebessert werden?

Der Fragenkatalog müsste dringend überarbeitet werden. Manche Fragen sind, auf unsere Arbeit als Filmeditor bezogen, irreführend. Für mich ist es egal, ob ich mich mit meinem Schnittplatz in den Geschäftsräumen der Filmproduktion sitze, zu Hause am Esstisch oder im Auto. Deswegen wird meine Arbeit nicht weniger programmgestalterisch oder künstlerisch ausfallen. Ich schlage vor Kategorien zu finden, die ein Statusfeststellungsverfahren ausschließen. Spielfilm, Dokumentarfilm, Musikvideo, Werbung – alle szenischen Formate müssen eine weisungsgebundene Arbeit ausschließen. Schwieriger wird es bei Magazinbeiträgen, weil hier der Editor durchaus auch allein arbeitet, manchmal nicht. Die Kategorie aktuelle Berichterstattung, wo der fliegende Reporter mit der Kassette unterm Arm in den Schnittraum kommt, ist allerdings die Grenze. Hier arbeitet man eigentlich immer weisungsgebunden. Insgesamt müsste also eine Lösung her: Es wäre hilfreich, feste Definitionen bezüglich der Formate zu schaffen, oder bei bestimmten Formaten eine zeitliche Frist – alle drei Jahre ein Feststellungsverfahren. Auch das natürlich nur als Beispiel. Ein Statusfeststellungsverfahren pro Job ist für die Ausübung dieses Berufs nicht handhabbar. Fürs erste kann der BFS beim Fragenkatalog helfen, Schwerpunkte für die Arbeit eines Filmeditors aufzeigen. Es kommt ja nicht darauf an, wann ich zur Arbeit erscheine und wann ich gehe, oder wo ich arbeite.

Ein anderes Merkmal könnte die Künstlersozialkasse sein…

Das ist für mich keine Option. Ich selbst bin nicht in der KSK und werde auch nicht eintreten, weil ich seit gut fünfzehn Jahren privat versichert bin. Bei einem Eintritt müsste ich ja auch in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Natürlich habe ich das damals berechnet, was vorteilhafter in meinem Fall wäre – und habe danach entschieden. Überhaupt können nicht alle Kollegen in die KSK kommen, denn nicht alle sind künstlerisch tätig. Allerdings arbeiten sie programmgestaltend. Die KSK ist also kein absolutes Kriterium, um Weisungsgebundenheit zu widerlegen. Es geht um das geistige Eigentum, und da sollte die Programmgestaltung stärker in den Vordergrund rücken.

Aus aktuellem Anlass möchte ich noch etwas ergänzen. Wie sich gezeigt hat, hat sich das Bewusstsein in den eigenen Reihen noch nicht dahin gehend verändert, dass Rechnungssteller als parallele Geschäftsform existieren. Sie sind sogar auf dem Vormarsch. Tatsächlich sind mittlerweile alleine beim BFS die Hälfte alle Mitglieder Rechnungssteller. In der Werbe- und Musikvideowelt sind es 100 Prozent. Selbst in der Magazinwelt kenne ich nur auf Rechnung arbeitende Editoren.

Tatsache ist, dass sich unsere Branche verändert hat und wir uns anpassen müssen, um geschäftsfähig zu bleiben. Das Medienbusiness ist schneller geworden, man muss flexibler sein. Diese Flexibilität wird von Firmen, wie von Freiberuflern erwartet. Zum Beispiel ermöglicht die digitale Entwicklung und die damit gesunkenen Kosten für uns Editoren die Möglichkeit, in ein eigenes Schnittsystem zu investieren.

Meiner Meinung nach ist ein Modell mit angestellten Editoren oder mit Freelancern, die auf Lohnsteuerkarte arbeiten, nicht mehr praktikabel.

Selbstständigkeit bedeutet selbstständiges Arbeiten.

Das Gespräch führte Karolina Wrobel