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Sascha SeidelKurzschnitt

Sascha Seidel Foto: privat

Montage muss dem Zuschauer Zusammenhänge so nahebringen, dass er sie weiterdenken kann.

Stuttgart 03.11.2015

Wie hast du deine Leidenschaft für den Filmschnitt entdeckt?

Ich hab schon als Kind viele Filme gesehen und war gerne in der Kindervorstellung im Ostberliner Kino International, da konnte man für 0,50 Ostpfennig Samstags ins Kino gehen. Über den Jugendklub bin ich dann zur Videowerkstatt gekommen und habe angefangen, selber Filme im S-VHS Format zu drehen, also alles noch analog, das war Anfang der 1990er Jahre. Ich habe schnell Feuer gefangen und mir kleine Kurzfilme ausgedacht und sie mit Freunden gedreht. Vom Drehbuch über Kamera bis hin zum Schnitt habe ich alles selbst übernommen und dabei gemerkt, dass mich der Schnitt sehr fasziniert, weil er die meisten Fragen aufgeworfen hat. Mir war relativ klar, wie man ein schönes Bild mit der Kamera macht, aber beim Schnitt war mir überhaupt nicht klar, warum die Sachen so funktionieren. Ich habe dann viel ausprobiert und gemerkt, dass das eigentlich der Part am Filmemachen ist, der mich am meisten reizt und der auch am meisten meinem Naturell entspricht. So war der Wunsch geboren, dies auch beruflich zu machen.

Du hast erst ein Schnittvolontariat beim NDR gemacht und dann ein Diplom an der Filmakademie Ludwigsburg. Inwiefern haben sich die praktische und die akademische Arbeitsweise unterschieden?

Das waren sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Das Schnittvolontariat war eine tolle Ausbildung, die es so leider gar nicht mehr gibt, denn im Zuge des Berufsbildes des Mediengestalters wurde die Schnittausbildung immer mehr zurückgefahren. Wir haben sehr viel praktisch machen können, wir sind in den Landesfunkhäusern der Sender eingesetzt worden und haben dort kleine Magazinbeiträge und Nachrichten schneiden dürfen. Zudem haben wir immer monatsweise Blockseminare zum Thema Filmgeschichte und Filmtechnik gehabt und parallel dazu noch Assistenzen bei Kino- und TV-Spielfilmen gemacht. Das war ein ganz toller Rundumschlag über das Berufsbild.

Danach war ich ausgebildeter Editor, aber ich hatte schon immer den Wunsch, an die Filmhochschule zu gehen und das Studentenleben zu genießen. Bislang war ich immer abgelehnt worden, aber nach der Ausbildung habe ich mich noch mal an der Filmakademie Ludwigsburg beworben und wurde tatsächlich genommen.

Das Studium in Ludwigsburg war dann eine komplett andere Erfahrung. Es heißt zwar Filmakademie, aber eigentlich war alles dort sehr praktisch orientiert. Im ersten Jahr bekam man eine Grundausbildung in Film und dann ging es eigentlich los, dann wurde nur noch gemacht. Das war für mich sehr gut, weil ich den theoretischen Background schon mitgebracht und im Volontariat viel gelernt habe. Das war eine riesige Spielwiese für mich um mich auszuprobieren: Dokumentarfilm, szenischer Film, Musikvideo, alles was mich interessierte, habe ich gemacht. Ich hab es mit einer sehr großen Freiheit verbunden und es war eine sehr schöne Zeit und eine sehr gute Ergänzung zu meinem Volontariat. Aber die eigentliche Ausbildung war für mich das Volontariat, das war letztlich viel fundierter als an der Hochschule.

Du hast an der Filmakademie verschiedene Gattungen ausprobiert. Was schneidest Du am liebsten?

In der Tat habe ich während des Studiums den Dokumentarfilm für mich entdeckt. Ich habe gemerkt, dass ich einen szenischen Film auch sehr gerne schneide, aber da hatte ich das Gefühl, dass es mir etwas leichter fiel. Beim dokumentarischen Schneiden war es wie damals im Jugendklub, das hat mich viel mehr gereizt, da war so viel möglich, da wollte ich so viel wissen. Man kann ja im Dokumentarfilm über die Montage die Geschichte ganz anders aufziehen. Mir scheint, da ist eine größere Freiheit in der Montagegestaltung. Beim Dokumentarfilm ist man immer auch ein Koautor mit dem Regisseur zusammen, das hat mich von Anfang an sehr fasziniert. Also sowohl die inhaltliche Komponente, als auch die formale strukturelle.

Aber Du schneidest jetzt nicht ausschließlich Dokumentarfilme...

Nein, während des Studiums habe ich das sehr ausgiebig gemacht und nach dem Studium leider gemerkt, dass es wiederum gar nicht so leicht ist, davon zu leben. Dafür schlägt zwar mein Herz, aber die Dokumentarfilmbranche ist wirtschaftlich sehr schlecht aufgestellt, oft gibt es sehr magere Tagesgagen, auch für die Editoren. Das ist auch ein Punkt, der mir übrigens im Bundesverband sehr wichtig ist: Die Wertschätzung des Berufsbildes, dass das, was Editoren eigentlich im Schneideraum leisten, gerade auch im dokumentarischen Bereich, auch öffentlich mehr wahrgenommen wird. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten stelle ich immer wieder fest, dass dort wenig Verständnis dafür da ist. Und dass ist eine Hauptaufgabe des Verbandes, da mehr Aufklärungsarbeit zu leisten.

Oft wird der Beruf des Editors immer noch sehr technisch gesehen, nach dem Motto: „Du musst ja nur Szenen zusammenkleben“...

Genau. Ich habe auch während meiner beruflichen Laufbahn sehr unterschiedliche Wahrnehmungen mitbekommen. Ich habe jahrelang fürs Fernsehen geschnitten, da war ich oft mit Redakteuren konfrontiert, die gar nicht erwartet haben, dass die Editoren sich einbringen. Bei meiner ersten Woche im Fernsehsender schaute mich mein Redakteur immer ungläubig an und fragte: „Ein Cutter der mitdenkt?“ So als hätte er das in seinem Leben noch nie erlebt. „Das gibt's doch gar nicht“, habe ich da gedacht, „wo bist du hier bloß gelandet?“ Für mich gehört es zum Selbstverständnis des Berufes dazu, aber anscheinend gibt es da bei vielen Leuten immer noch andere Vorstellungen.

Hast Du einen wesentlichen Unterschied in der Arbeitsweise beim Fernsehen und beim Dokumentarfilm festgestellt?

Natürlich sind beim Fernsehen die Schnittzeiten sehr viel kürzer und es geht vermehrt darum, dass vorher durchdachte Konzept des Autoren in der vorgesehenen Zeit adäquat umzusetzen. Gegebenenfalls kann man dann noch an Stellschrauben ziehen, meist sind die Autoren ja auch offen für Vorschläge.

Bei langen Dokumentarfilmen außerhalb eines Senders ist eine ganz andere Intensität bei der Auseinandersetzung mit dem Material da. Und auch eine größere Bereitschaft sich zeitlich drauf einzulassen, es wird auch von längeren Schnittzeiten ausgegangen. In der Entlohnung ist es dann leider wieder umgekehrt.

Es scheint generell ein Problem zu sein, dass Zeit und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Material immer mehr zu einem größeren Luxus wird...

Ja, und da ist es gerade wichtig, dass man verständnisvolle Produzenten trifft, die das wertschätzen können und die einen Zeitrahmen vorgeben, in dem so eine Arbeit noch möglich ist. Produzenten, die auch verstehen, warum manchmal in der vorher kalkulierten Zeit das Produkt eben nicht so entstehen konnte und die dann vielleicht noch mal nachkalkulieren oder nachverhandeln können. Was das angeht habe ich auch positive Erfahrungen gemacht, wenn man gut begründen kann, warum man noch mal ein oder zwei Wochen Zeit braucht, um die Dinge die noch nicht funktionieren, fertig zu bringen.

Dennoch versucht man ja immer im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes zu geben...

Das ist auf jeden Fall mein Anspruch an die Arbeit. Und zwar unabhängig von Genre oder Sparte, ob das jetzt ein Imagefilm ist oder ein Trailer oder ein Dokumentarfilm, ich finde die handwerkliche Komponente dabei immer wichtig. Man ist eben nicht nur Künstler, sondern auch Handwerker. Man kann die Arbeit, die man macht, auch gut abliefern. Gerade beim Fernsehen geht es darum, eine gewisse Qualität zu halten und es ist total wichtig, dass selbst ein kleiner Magazinbeitrag gut erzählt und gut geschnitten ist. Da gibt es teilweise erhebliche Unterschiede. Als Editor trägt man mit seiner Arbeit gewaltig zum Qualitätsstandard bei. Wobei ich auch sagen muss, dass ich auf jeden Fall viel von der Arbeit beim Fernsehen mitgenommen habe. Vor allem sich in einer gewissen Zeit auf etwas Bestimmtes zu fokussieren und das dann auch so gut wie möglich zu machen. Gerade an der Filmhochschule, wo die Schnittzeiten über Monate oder teilweise Jahre ausufern, verliert man manchmal den Fokus. Davon profitiere ich bei meiner jetzigen Arbeit, dass ich sowohl das eine, als auch das andere kennengelernt habe. Die Fähigkeit in einer bestimmten Zeit etwas abzuliefern gehört für mich genauso zum Berufsbild dazu wie sich im Material auszutoben und den besten Montageweg zu finden.

Du arbeitest jetzt auch als Dozent. Kannst Du darüber was erzählen?

Das nimmt zwar keinen großen Teil meiner Arbeit ein, aber es ist etwas, wo mein Herzblut dranhängt, diese Wissensvermittlung an andere. Zum einen mache ich das mit Kindern und Jugendlichen, wo es eher um Film im Allgemeinen geht. Aber ich finde es sehr schön, dass sich so der Kreis schließt. Ich habe ja schließlich selber in einem Jugendklub angefangen und bin über die Medienpädagogik, also die Videowerkstatt im Jugendklub, zu meinem Beruf gekommen. Es ist schön, jetzt dieses Wissen, das ich erworben habe, weiterzugeben.

Und dann unterrichte ich Journalisten, die eine Reportageausbildung machen. Ich mag es, dass es immer wieder viele Aha-Erlebnisse bei den Teilnehmern gibt, wenn ich mit ihnen über Schnitt spreche und erkläre, was es für Gestaltungsmöglichkeit gibt. Das ist dann für die ähnlich wie beim Schreiben eines Textes: das Schreiben, das Redigieren, das Kürzen und Strukturieren, das hat ja viele Ähnlichkeiten zum schriftstellerischen Beruf, deswegen ist es immer ganz interessant.

Welchen Fokus versuchst Du bei Deinen Lehraufträgen zu vermitteln?

Ich versuche den Leuten im Bereich Reportage immer zu vermitteln, dass wenn sie eine Figur porträtieren, dass dies immer im Sinne der größtmöglichen Authentizität geschehen sollte. Natürlich ist immer viel an Verfälschungen oder Zuspitzungen möglich und der Grad ist sicher fließend, das muss jeder für sich selber ausmachen. Das finde ich aber auch einen spannenden Punkt: Was habe ich für eine Einstellung zum filmischen Erzählen oder zum Erzählen allgemein? Was ist für mich legitim und was nicht? Da gibt es vom Puristen bis zum Inszenierenden die ganze Bandbreite. Ich selbst würde mich da irgendwo in der Mitte ansiedeln, aber natürlich changiert das. Gerade im Dokumentarischen ist es mir wichtig, der Figur gerecht zu werden, aber wenn ich das machen kann, indem ich mich filmischen Mitteln bediene, dann ist mir auch eine Zuspitzung recht um es dem Zuschauer gut zu vermitteln. Montage ist schließlich auch dazu da, Zusammenhänge dem Zuschauer so nah zu bringen, dass er sie antizipieren, verstehen und weiterdenken kann. Und da ist es einfach erforderlich, dass man die Realität im Sinne des filmischen Erzählens verändert. Das ist auch ein Wesen der Montage. Es ist eine Zusammensetzung, ein Ausschnitt und ein Blickwinkel auf eine Sache. Und jeder Editor würde eine Szene anders erzählen. Das Ziel, einer Figur gerecht zu werden oder den besten Weg zu finden, das ist für mich ein sehr spannendes Feld.

Man hat ja auch eine Verantwortung der Figur gegenüber...

Ja, das muss allerdings jeder für sich selber ausmachen. Da wird es immer wieder Sachen geben, wo man vielleicht über das Ziel hinaus schießt. Aber wenn das Bild hilft, einen Zweck zu erfüllen, dann ist es auch okay. Ich schneide auch Image- und Werbefilme, da geht es vom Ansatz ganz stark darum, auf ein Ziel hinaus zu wollen. Und da habe ich mittlerweile immer weniger moralische Bedenken. Am Anfang war ich sehr skeptisch und habe mir gedacht: Verkaufe ich jetzt meine Seele? Aber letztlich denke ich: Ich mach damit meinen Beruf. Klar, ich will jetzt keine ethischen Grundsätze verletzen, aber wenn ich für einen Auftrag ein Produkt bestmöglich dastehen lassen muss, dann kann ich das über die Filmsprache. Das ist eine Frage der Einstellung. Wie man damit ethisch umgeht, da ist jeder selbst gefordert.

Hast du das Gefühl, dass Verbände wie der BFS wichtig sind, um den gemeinsamen Gedanken nach außen zu tragen?

Ja, natürlich, ich sehe den Verband als starkes Instrument, um in der Außenwelt viel zu erreichen was unseren Beruf der Filmeditoren angeht. Er muss ein Sprachrohr für die Editoren sein, sowohl in der Filmbranche, als auch in der Öffentlichkeit und sollte darüber aufklären, wie ein Film entsteht und wie die Verantwortlichkeiten aufgeteilt sind. Da sind wir wieder beim Stichwort Medienpädagogik: am besten müsste schon Kindern klargemacht werden, dass ein Film nicht von einem Regisseur gemacht wird. Das ist oft eine PR-Sache, ein Instrument im Marketinggeschäft um Filme besser verkaufen zu können. Aber das entspricht natürlich überhaupt nicht der Realität, schon da werden Dinge verzerrt. Da muss man Aufklärungsarbeit leisten, das ist eine große Aufgabe des Verbandes. Denn natürlich ist Film immer eine Zusammenarbeit. Und die ist total komplex. Gerade deswegen muss man darüber sprechen.