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Gerhard SchummKurzschnitt

Gerhard Schumm

Montage ist ja im Bereich des Spiel- und Dokumentarfilms eine Kunst der Materialinterpretation und - komposition.

15.02.2011

Gerhard Schumm, Professor im Studiengang Montage der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ist seit letztem Jahr Ehrenmitglied im BFS. Seine montagetheoretischen Texte erscheinen unter anderem im Filmmagazin ‚Schnitt’ und eine Auswahl stellt er auf www.montagetheorie.de  zur Verfügung. Bevor er begann Filmmontage zu unterrichten, arbeitete er als freiberuflicher Filmeditor und -autor.

Herr Schumm, wie hat Ihre Arbeit als Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam angefangen?

Das war 1993. Ich hab mich damals riesig darauf gefreut in einen Bereich zu kommen, wo der Brückenschlag zwischen praktischer und theoretischer Arbeit mit Montage möglich ist. Und ich war neugierig auf die zu dieser Zeit einzige Fachrichtung für Filmschnitt. Sie besteht ja seit langem, seit 1956. Sie war Teil der ‚Ingenieurschule für Filmtechnik’, wurde dann 1962 in die ‚Deutsche Hochschule für Filmkunst’ wie die HFF damals hieß, eingegliedert. Im Jahr 1993 gelang es uns die Fachrichtung in einen Kunsthochschul-Studiengang umzuwandeln. Das macht Sinn, denn bei der Montage von Spiel- und Dokumentarfilmen und experimentellen Filmen handelt es sich eindeutig um künstlerische Arbeit.

Gibt es Überschneidungen oder Berührungspunkte der einzelnen Studiengänge?

Die Studierenden kooperieren stark miteinander, vor allem zwischen Montage und Regie ist das so. Die Studenten montieren bei uns eine Vielzahl an Filmen im arbeitteiligen Team. Sie realisieren aber ebenso eigenverantwortliche Montagefilme. Ich glaube, die Verbindung von Gruppen- und Einzelarbeit ist das Besondere unseres Montagestudiums.

In welchem Spannungsverhältnis steht die Gruppen- und Einzelarbeit?

Als Montierender muss man um sich selber wissen und auch kooperativ im Team arbeiten können. Man muss sein eigenes Spiel schon gut kennen, um in einer Gruppe die anderen überhaupt hören zu können.

Welche Herausforderung fällt den Montagestudenten genau zu?

Sie müssen ja den gesamten Film im Kopf und Gespür haben und auch jedes Frame kennen. Sie sind Spezialisten. Aber nicht nur. Sie sind auch für die Gesamtkomposition des Films mitverantwortlich. Dazu bedarf es einer entwickelten eigenen künstlerischen Haltung. In den solistischen Montageübungen loten die Studierenden intensiv ihre Ausdrucksmöglichkeiten im Bereich der Montage aus.

Ein Film ist im Normalfall unter dem Namen des Regisseurs der Öffentlichkeit bekannt. Wie stehen Sie zu der Frage des Filmeditors als einem Mitautor des filmischen Werkes?

Zur Zeit wird offiziell der prozentuale urheberrechtliche Anteil von Editoren an einem Filmwerk neu ausgehandelt. Montage ist ja im Bereich des Spiel- und Dokumentarfilms eine Kunst der Materialinterpretation und - komposition. An diesem Punkt hat der Editor selbstverständlich einen starken Anteil an der Filmgestaltung. Die Miturheberschaft ist eindeutig vorhanden. Juristisch sind Editoren bekanntlich als Miturheber anerkannt und sind deshalb bei den Nutzungsrechten, also bei den Tantiemenauszahlungen, mitbeteiligt

Ist Ihren Studierenden der persönliche Beitrag an einem Film bewusst?

Na klar!  Die Arbeit im Schneideraum ist ja eine ganz tiefe Auseinandersetzung mit dem Film. Editoren müssen allerdings noch mehr aus dem Eckchen des Schneideraums herauskommen und eine Sprache für ihre Arbeit finden. Ich sehe es als meine Aufgabe als Lehrender an, bei den Studenten ein Selbstbewusstsein zu fördern. Kameraleute und Regisseure haben ihre Sprache bereits gefunden. Hingegen treten Editoren eher bescheiden auf, obwohl sie einem Geschäft mit einer lauten Öffentlichkeit – mit Festivals und Partys – angehören. Aber ihre Bescheidenheit macht sie natürlich auch sehr sympathisch.

Wie begegnen Ihnen die Studierenden in Fragen der Selbstorganisation und der beruflichen Interessensvertretung?

Ich habe es mit einer jungen Generation zu tun, die sich – individuell tätig – als Freelancer begreift, die mit den Ideen von Tarifverhandlungen wenig zu tun hat. Ich versuche fein dosiert zu vermitteln, dass es unverzichtbar ist, sich gewerkschaftlich und im Berufsverband zu organisieren. Oft wird das durch gewunken. Doch es ändert sich, wenn man im Beruf steht.

In Ihren Texten setzten Sie sich mit der Theorie der Montage auseinander. Braucht Montagepraxis Theorie?

Künstlerische Arbeit ist immer Praxis und Theorie zugleich. Während ich arbeite, denke ich konzeptuell nach, mache Theorien, das ist auch bei der Montage so. Montagetheorie kann wie jede Kunsttheorie nur mit begrenzten Gültigkeiten arbeiten. Auch hier gilt es eine Sprache zu erst noch zu finden, mit der sich die Montageerfahrung ausdrücken lässt.

Was ist denn los in der gegenwärtigen Montagetheorie?

In den letzten zehn Jahren sind viele Bücher erschienen, die eine interessante Entwicklung der Ausformulierung einzelner Editoren spiegelt. In den USA wurde diese Tendenz sehr gestärkt durch Walter Murch, der als Filmeditor eine sympathisch ganzheitliche Sicht auf seine eigene Praxis hat. Ähnliches passiert im deutschsprachigen Bereich gegenwärtig auch. Filmeditoren schreiben ihre individuellen Theorien. Ganz wunderbar ist zum Beispiel das vor fünf Jahren erschienene Buch von Gabriele Voss. Es heißt ‚Schnitte in Raum und Zeit’.

Und was ist Ihr Zugang?

Ich versuche in meinen Texten behutsam zu formulieren und auch eine liebevolle Stilistik zu entwickeln. Ich arbeite mit wenig Verallgemeinerungen und stark Werk- und Detailbezogen. Ich gehe von dem aus, was mich persönlich an einem Film und seiner Montage interessiert und welche Erfahrung der Film enthält und mir schenkt. Wenn jemand daraus Allgemeingültiges ableiten möchte, haut das nicht mehr hin. Aber, ich glaube ja, der Rohstoff von Film ist auch nicht das Filmmaterial sondern der eigentliche Rohstoff des Films, das ist unser persönliches Interesse am Film.

 

Das Interview führte Ute Bongartz.