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Catrin VogtKurzschnitt

Man muss die ProtagonistInnen auch in ihrer Widersprüchlichkeit zeigen.

29.09.2014

Wann hast du deine Leidenschaft für den Filmschnitt entdeckt?

Das war Zufall. Ich wollte immer etwas mit Medien machen, habe dabei aber eher an Zeitung gedacht, mit Film hatte ich nie etwas zu tun. Ein Jahr vor meinem Abitur habe ich ein Praktikum im Filmkopierwerk in Hamburg gemacht und habe dort zum ersten Mal einen Filmschneidetisch und überhaupt das Material Film kennengelernt. Auch die Entwicklungsmaschine, die Kopiermaschine, den Tricktisch und was es damals noch gab, das fand ich alles sehr faszinierend.

Du hast also noch analog gelernt?

Das war gerade im Umbruch. Es gab auch eine Videoausbildung bei Studio Hamburg für drei Monate im Rahmen meiner Berufsausbildung. Aber ansonsten war alles noch klassisch Filmkopierwerk. Zur Ausbildung gehörten diverse Praktika: Synchron, am Set und im Schneideraum. Damals waren noch sieben oder acht Schneideräume nebeneinander auf einer Etage, alles Filmschneidetische, an denen die Editorinnen mit ihren Assistentinnen ihre Projekte geschnitten haben. Das war eine tolle Atmosphäre, das hat mir sehr gut gefallen. Es gab dann ein spezielles Erlebnis mit Barbara Hennings, die wegen einer Szene mit diversen Anschlussfehlern um Rat gefragt wurde. Sie hat dann einmal vorgespult, einmal zurückgespult, mit dem Fettstift einmal „da raus“ „da rein“ markiert und dann waren die Anschlussfehler für mich nicht mehr zu sehen. Obwohl ich diese Stelle vorher zehnmal angeguckt hatte! Da habe ich gedacht: „Meine Güte, das ist ja Zauberei“. Das war meine erste Berührung mit dem Schnitt.

Und dann wusstest Du, dass Du Filme schneiden möchtest...

Das war trotzdem Zufall. Ich wollte nach der Ausbildung nach Berlin und von der technischen Seite des Films zur inhaltlichen wechseln. Im Kopierwerk war es ja eigentlich egal, was der Film erzählt, es ging um Emulsionen und Kontraste. Das hat mir nicht gereicht. Ich habe in Babelsberg geschaut, wofür ich mit meiner Ausbildung am besten die Voraussetzungen erfülle. Und das war zufälligerweise Filmschnitt. Ich war auch vorher nicht so cineastisch unterwegs. Ich hab an der HFF zum ersten Mal gehört, dass Film eine Kunst ist. Das war eine ziemlich neue Welt für mich.

Dann hast du dein Herz an den Dokumentarfilm verloren?

Vor dem Studium wusste ich gar nicht, was ein Dokumentarfilm überhaupt ist. Aber schließlich hat er sich als genau das Medium erwiesen, das ich immer gesucht hatte. Weil sich darin so vieles verbindet – die gesellschaftlich relevanten Inhalte, eine meist humanitäre Haltung, Bilder und Musik, also Empathie und Emotion. Durch den großen Einfluss, den die Montage im Dokumentarfilm auf die Filmerzählung hat, habe ich das Gefühl, sowohl thematisch als auch emotional viel von meiner Sicht auf die Welt und die Menschen einbringen und an den Zuschauer weitergeben zu können. Gleichzeitig lerne ich auch mit jedem Film selbst eine neue Welt kennen, die mir vorher vielleicht unbekannt war. Und aus einer Fülle von Material die Form zu gestalten, mit der die Vermittlung meiner eigenen Eindrücke von dieser „neuen Welt“ am besten gelingt, das ist jedes Mal eine neue und schöne Herausforderung.

In „Vergiss mein nicht“ geht es um Gretel, die Mutter des Regisseurs David Sieveking, die an Alzheimer erkrankt ist. Wie geht man mit einem so intimen Einblick in eine Familie um?

David war von Anfang an bereit, alles Private und Intime auch öffentlich zu machen. Das ist seine Art, Geschichten zu erzählen. Als David mir Material zeigte, habe ich mich sofort in Gretel verliebt. Ich mochte ihren Wortwitz und wollte aus der Beobachtung heraus verstehen, wie sie in ihrer Krankheit wohl die Welt erlebt. Und das dann dem Zuschauer zeigen.

Außerdem ist es ja gerade bei einer so privaten und persönlichen Geschichte wichtig, einen weniger involvierten Blick in die Arbeit einzubringen als David das konnte. Zumal die Familiensituation und die Erkrankung seiner Mutter für David ja auch während des Schnitts nicht nur Film, sondern auch immer Realität war.

Dagegen ist dein neuer Film „Ein Hells Angel unter Brüdern“ eine Art Kontrastprogramm. Mit wie viel Empathie geht man da in den Schneideraum?

Empathie ist für mich extrem wichtig beim Schneiden. Aber das ist ja nicht synonym mit Sympathie. Und ich finde der Dokumentarfilm ist ein gutes Medium, um Dinge nicht nur schwarz-weiß zu zeigen, sondern Zwischentöne zuzulassen. Natürlich kann man Sympathie erzeugen, indem man bestimmte Szenen so oder so schneidet, aber es ist mir viel wichtiger, die Protagonisten so darzustellen, dass sie auch in ihrer Widersprüchlichkeit nachvollziehbar sind.

Der Film ist ja vor allem ein Portrait über einen einzigen Hells Angel. Durch den Einblick in das Leben dieses Protagonisten erfahren wir auch viel über die Welt, in der er lebt, in diesem Fall über „seinen Club“, also die Hells Angels in Stuttgart und in Deutschland. Es gibt viele Aspekte, die ich durchaus kritisch sehe und die der Film auch erzählt. Es war mir wichtig zu verstehen, wie diese Leute denken, was deren Lebenskonzept ist. Ich finde, nur dann kann man darüber nachdenken, was ihren Konflikt mit der Gesellschaft eigentlich ausmacht, ob der sich überhaupt auflösen lässt. Das interessiert mich. Es geht darum, eine klare Haltung zu haben und trotzdem offen an ein Thema ran zu gehen.

Kannst Du etwas über die Dreharbeiten erzählen?

Die Basis des Ganzen war das Vertrauensverhältnis zwischen Regie und Protagonist. Der Protagonist Lutz Schelhorn hat dem Regisseur Marcel Wehn die Türen geöffnet und ihm Einblicke in die sonst den Medien eher verschlossene Welt der Hells Angels gegeben. Er hat den Zugang zu den einzelnen Chartern und den Mitgliedern der einzelnen Clubs ermöglicht. So ist eine Innenansicht des Clubs entstanden, die man sonst in den Medien nicht sieht. Und gleichzeitig ist diese eben auch begrenzt. Es ist kein Film über die Hells Angels im Ganzen.

Gab es denn Einfluss von außen?

Mit dem Protagonisten wurde viel über den Schnitt diskutiert, aber es war immer klar, am Ende ist es ein Film von Marcel Wehn, dem Regisseur.

Auch mit der Redaktion gab es Diskussionen. Dass es um so ein „brisantes“ Thema wie die Hells Angels geht, hat den Druck spürbar verstärkt. Es gab große Sorgen, wie der Film bei den ZuschauerInnen ankommen würde. Das hat letztlich dazu geführt, dass es eine TV-Fassung und eine Kinofassung des Filmes gibt. Der wesentliche Unterschied ist, dass die TV Fassung ein Voice-over hat und die Kinofassung nicht. Am Ende des Schnitts haben wir sehr viel Zeit auf Voice-over-Texte verwendet, die letztlich für die Kinofassung wieder rausgeflogen sind.

Du schneidest viele Langzeitbeobachtungen. Was sind da die Schwierigkeiten beim Schnitt?

Die größte Schwierigkeit sehe ich inzwischen in der Materialmenge, die während einer Langzeitbeobachtung produziert wird. Drehen ist immer öfter ein Prozess des Sammelns und immer seltener ein Prozess des Jagens. Man dreht eher mal zwei Stunden mehr, weil es finanziell nicht darauf ankommt. Einerseits ist es gut, dass nicht mehr um jede Drehminute gefeilscht werden muss, andererseits ufert dieses Sammeln von Material mehr und mehr aus, und Entscheidungen werden in den Schneideraum verlagert, die früher beim Dreh getroffen werden mussten. Das Material wird aber nicht automatisch besser, nur weil es mehr Material gibt.

Als ich anfing Filme zu schneiden war mein Anspruch, jedes einzelne Frame des Materials zu kennen. Inzwischen habe ich aufgrund der Menge an Material, die im Schneideraum landet, meine Arbeitsweise sehr verändert. Ich sichte lediglich einen Teil des Materials, das die Regie vorauswählt. Dann fange ich an zu schneiden und sichte später bei Bedarf weiteres Material. Aber das Problem bleibt: Die Hunderte von Stunden müssen gesichtet und das bestmögliche aus dem Material herausgeholt werden.

Um dann in der Montage die Kraft der Bilder herauszuarbeiten...

Die Kameraarbeit ist für den Dokumentarfilm von besonderer Bedeutung.

Ich mag es sehr, wenn die Kameraperson mir mit dem Material zeigt, was sie gesehen und empfunden hat. Es ist schön, wenn man diesen persönlichen Blick im Material spürt. Wenn Filme über eine lange Zeit gedreht werden ist es aber leider nicht immer möglich, dass dieselbe Person den kompletten Film dreht. Das ist ein Nachteil für die ästhetische Qualität des Films, weil sich dadurch das visuelle Konzept des Films mehr und mehr auflöst. Das ist etwas, was viele Dokumentarfilme schwächt.

Wenn man sich deine Filmographie anschaut merkt man schon, dass Du schwierige Themen nicht scheust...

Naja, was ist ein schwieriges Thema? Ich finde, das sind keine schwierigen Themen, es sind Themen, die mich interessieren. Ich mag Filme, die politisch sind, die sich mit der Gesellschaft beschäftigen. Für mich es ist ein Diskurs in den ich mich begebe, wo ich viel Neues erfahre, unterschiedliche Argumente oder Positionen kennenlerne und Hintergründe erfahre, die ich vorher nicht kannte. Das ist etwas, das ich am Dokumentarfilm sehr spannend finde. Dass man in Themenbereiche tiefer reinguckt, mit denen man sich vorher gar nicht beschäftigt hat. Mich interessiert schon die politische oder gesellschaftliche Relevanz darin und ich versuche, diese im Film auch herauszuarbeiten.