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Anne Fabini Kurzschnitt

Anne Fabini

Ich versuche jedem Drama seine Leichtigkeit abzugewinnen – im Film wie im Leben.

28.04.2010

Zum Schnitt kam Anne Fabini durch ihr Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Seit Ende der 90er Jahre arbeitet die Siebenbürger Sächsin und Wahlberlinerin als Editorin für Kinodokumentar- und Spielfilme. Anne Fabini wurde 2009 mit dem Spielfilm „Berlin Calling“ von Hannes Stöhr für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bester Schnitt“ nominiert. Im März wurde die Editorin vom BFS zum Werkstattgespräch in Berlin eingeladen. Dort sprach sie über das Schnittkonzept von „Berlin Calling“.

 

Frau Fabini, was war Ihre besondere Aufgabe im Schnitt von „Berlin Calling“?

Dieser Spielfilm erzählt von der Schaffenskrise eines Musikers, mit der Besonderheit, dass die Hauptfigur mit Paul Kalkbrenner, einem Star der Berliner Elektroszene besetzt ist. Ein großer Vorteil daran war, dass bei Originalauftritten von Kalkbrenner dokumentarisch gedreht werden konnte. Allerdings hatte dadurch das Material für alle Musikszenen eine ähnliche Charakteristik und wurde erst im Schnitt strukturiert. Die Dramaturgie für die Musikszenen ist dann im Schneideraum entstanden. Mein Ziel war, eine Entwicklung zu zeigen und jede Musikszene so zu gestalten, dass sie etwas über die Hauptfigur erzählt.

Können Sie ein Beispiel beschreiben?

Die erste Szene in der Bar25, ist zwar nicht dokumentarisch gedreht, aber durch sparsam gesetzte Schnitte, die sich um einen erstklassigen Kameraschwenk gruppieren, entsteht der Eindruck großer Authentizität. Hier war mir wichtig zu zeigen, dass sich die Hauptfigur wohlfühlt und den Moment genießt. Später im Film sieht man Paul Kalkbrenner alias DJ Ickarus am gleichen Ort. Er ist von der psychiatrischen Station geflüchtet, will zurück in sein altes Leben, muss aber feststellen, dass sein hedonistischer, exzessiver Lebensstil so nicht weitergehen kann. Diese innere Zerrissenheit habe ich durch Jump Cuts verstärkt. Die Musik täuscht Leichtigkeit vor, setzt sich linear fort und Ickarus singt mit, während das Bild eine zeitliche Diskontinuität etabliert. Durch diesen schnitttechnischen „Trick“ ist man sehr nah an den Emotionen der Hauptfigur und spürt, in welchem fragilen Zustand sie sich befindet.

Ist der Schnitt bei Ihnen immer narrativ gebunden?

Ja, gerade so ein Film wie „Berlin Calling“ ist der perfekte Beweis. Sonst hätten so lange Musikszenen für mich keine Berechtigung in einem Spielfilm. Sie müssen etwas zur Geschichte beitragen und den Film weiterbringen.

Können Sie Ihren Schnittstil beschreiben?

Das ist schwierig. Natürlich erfordert jeder Film seinen eigenen Stil. Aber mir fällt immer wieder auf, dass ich Schnitte bevorzuge, die hart und ruppig sind. Glatte Schnitte liegen mir nicht.

Was ist Ihre Herangehensweise bei einem Filmprojekt?

Ich vertiefe mich in das Material. Nur aus dem tiefen Verständnis des Materials heraus kann der Schnitt kreiert werden. Das Schnittsystem ist einfach ein Werkzeug, was man so gut beherrschen muss, dass man im Geist frei ist, um inhaltliche Entscheidungen zu treffen, ohne über technische Komponenten nachzudenken.

Wie schätzen Sie Ihren Erfolg als Editorin ein?

Ich arbeite mit sehr viel Hingabe. Aber ich denke, das tun wir alle. Es hat sich bei mir glücklich gefügt.

Können Sie sich aussuchen, welche Filme Sie schneiden?

Es ist eher selten, dass ich mehrere Angebote habe, die zur gleichen Zeit realisiert werden und ich mich für eins entscheiden muss. Ich versuche aber, nicht ausschließlich Spielfilme zu schneiden. Bei der dokumentarischen Arbeit ist man als Editorin stärker gefordert, kreative Lösungen zu finden und man lernt immer von neuem den Respekt für das Material. Ich empfinde diesen Wechsel als sehr erfrischend.

Nicht nur bei „Berlin Calling“, auch beim Film „Berlin is in Germany“, fällt auf, dass Sie Stoffe schneiden, die oft von der Stadt Berlin handeln. Häufig sind es auch Tragikkomödien. Was hat das mit Ihnen zu tun?

Ich versuche jedem Drama seine Leichtigkeit abzugewinnen – im Film wie im Leben. Und etwas über Berlin zu machen, freut mich immer. Ich bin 1991 nach Berlin gekommen, habe in Mitte gewohnt und miterlebt, wie das neue Berlin entstanden ist. Berlin ist meine zweite Heimat geworden. Da ich aber nicht hier aufgewachsen bin, kann ich Berlin auch aus einer gewissen Distanz beobachten. Bei Filmen, die in Berlin spielen, ist genau das zu zeigen, meine Herausforderung als Editorin.

 

Das Interview führte Ute Bongartz.