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Bettina Böhler Kurzschnitt

Bettina Böhler (Privat)

Ich spüre dem Sog der Geschichte nach.

14.02.2012

Die Berlinale 2012 ist ein Filmfest fürs Publikum und auch für Filmschaffende. Wir fragten Bettina Böhler, wie sie die Internationalen Filmfestspiele in Berlin erlebt. Die Filmeditorin ist mit dem Drama „Barbara“ von Christian Petzold im Wettbewerb vertreten.

Bettina Böhler prägte durch ihre Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Christian Petzold, Angela Schanelec, Valeska Grisebach, Henner Winckler, Oskar Roehler und Angelina Maccarone das Montage-Repertoire des deutschen Films. Sie ist „die große Unsichtbare des deutschen Kinos“, wie die Jury des Bremer Filmpreises weiß. Ihre erste selbstständige Montage entstand 1985 mit Dani Levys „Du mich auch“. Für „Die innere Sicherheit“ (2000) von Christian Petzold wurde sie mit dem Deutschen Schnittpreis und dem Preis der Deutschen Filmkritik ausgezeichnet, für „Yella“ wurde Böhler 2007 auf der Berlinale mit dem Femina-Film-Preis geehrt.
Die Filmeditorin lebt in Berlin. Aktuell arbeitet Bettina Böhler mit Margarethe von Trotta.

Frau Böhler, die wievielte Berlinale ist das für Sie? Sind die Filmfestspiele noch immer ein besonderes Erlebnis

Diese Berlinale ist für mich die sechste – mit einer Arbeit im Wettbewerb, wohlgemerkt. Film ist aber Teamarbeit. Man freut sich mit allen, wenn es ein Film in den Wettbewerb geschafft hat. Es ist ja auch ein Gemeinschaftserlebnis. Für mich persönlich ist es eine Anerkennung der jeweiligen Arbeit. Im eigenen Land und auch noch in der eigenen Stadt – wo man lebt und arbeitet – präsentiert zu werden, ist wichtig. Man bekommt eine große Aufmerksamkeit: von Kollegen, von Produzenten und natürlich vom Publikum.

Die Aufmerksamkeit ist nicht immer positiv: Kritiker und Publikum urteilen oft auf eine sehr direkte Art und Weise…

Das ist richtig. In dem Moment, in dem man sich in der Öffentlichkeit präsentiert, muss man auch mit negativen Kritiken rechnen. Das gehört dazu. Ich finde das nur gut. Es ist ein gesunder Prozess, bewusst diese Präsentation wahrzunehmen. Die eigene Arbeit wird von vielen ganz unterschiedlichen Menschen aufgenommen. Man bekommt ein riesiges und vielfältiges Feedback. Da gibt es einen großen Unterschied zu  einem herkömmlichen Kinostart.

Wo holen Sie sich selbst Reaktionen ein?

Ich lese Kritiken in den Zeitungen, spreche mit Kollegen, Filmleuten. Natürlich ist es für gewöhnlich ja so, dass Leute, die etwas nicht mögen, lieber gar nichts sagen. Direkt persönlich hört man nur die guten Reaktionen (lacht). Das ist aber völlig okay. Man trifft aber auch auf das normale Publikum, spricht mit Einzelnen. Da ist interessant zu erfahren, wie sie die Arbeit sehen. Überhaupt ist ja die Berlinale auch ein Publikumsfestival. Es ist schon ein Phänomen: dieses Schlange stehen nach Karten für Filme, die sonst nicht im Kino gezeigt würden. Die Kinos sind während der Berlinale voll. Außerhalb des Festivals dünnt sich das Interesse wieder aus. Ich verstehe manchmal nicht, warum das Interesse nach diesem Event nicht anhält.

Das DDR-Drama „Barbara“ von Christian Petzold ist für den Goldenen Bären nominiert. Sie arbeiten seit mehr als 15 Jahren mit dem Regisseur zusammen. Wie gingen Sie an diesen Film heran?

Mit der Montage stelle ich eine dramaturgische Verdichtung her, die der Film braucht. Darum geht’s. So gehe ich an jeden Film ran. Bei der Zusammenarbeit mit Christian Petzold und dem Kameramann Hans Fromm gibt es mittlerweile ein großes Vertrauen. Da sehe ich nur Vorteile. Wenn man sich länger kennt, kann man eine Kritik viel besser anbringen. Auch begleitet man natürlich den kreativen Prozess der Entstehung des Filmes, oft bevor die Idee die Form einer Drehbuchfassung bekommt. Deshalb steige ich eigentlich schon sehr früh in die Projekte ein, ein halbes Jahr vor Drehbeginn bekomme ich dann das Buch. Eine große Vorbereitung findet deshalb nicht statt. Dann folgt ein intuitiver Zugang. Drei, vier Tage nach Drehbeginn beginne ich mit dem Schnitt. Kurz nachdem der Dreh beendet ist, lege ich die erste Fassung vor. Dann arbeite ich mit Christian weiter daran. Wir analysieren für uns erneut die Geschichte, das Material.

Gibt es in „Barbara“ Kristallisationspunkte der Montage?

Da gibt es beispielsweise eine besondere Sequenz: Ein Rembrandt-Gemälde, das von der Hauptfigur (Ronald Zehrfeld) interpretiert wird. Gezeigt werden Detailaufnahmen dieses Bildes. Diese Sequenz bettete sich wunderbar in die ganze Geschichte, die vom Beobachten und von Misstrauen erzählt: Von Anfang an ist sie allein darauf hingebaut, das Bild in einer Detailaufnahme des Bildes enden zu lassen. Meine Arbeit daran war intuitiv, natürlich habe ich die Wirkung immer wieder überprüft. In diesem Fall wollte das aber so erzählt werden.

Immer wieder tauchen im Zusammenhang mit ihren Arbeiten die Begriffe „Dichte“ und „Verdichtung“ auf. Was verstehen Sie darunter?

Ich lasse das Material für sich sprechen. Verdichtung hat mit Rhythmus zu tun, mit Dramaturgie. Es ist das, was den Film rund macht: schließlich sollen nur solche Momente der Geschichte erzählt werden, die wirklich notwendig sind. Dann geht es in meinem Arbeitsprozess um das Weglassen von Dialogen, im Extremfall von ganzen Szenen. Eine abgedrehte Szene hat ja unter Umständen eine völlig andere Wirkung, als im Drehbuch. Das Bild vermittelt manchmal etwas anderes, als das geschriebene Wort. Dann merkt man: die Szene ist gut gedreht, super gespielt – aber im Gesamtfilm ist sie nicht mehr nötig. Das kann ich auch nur bemerken, wenn ich mir den Film immer wieder anschaue. Ich spüre dem Sog der Geschichte nach. Deshalb brauche ich als Filmeditorin auch einen gewissen Abstand von meiner Arbeit, das hat mit Arbeitsrhythmus zu tun. Man muss sich selbst immer wieder in die Situation bringen können, diesen Sog zu empfinden.

So mancher Filmeditor kann sich allerdings auch nach zwölf Stunden nicht vom Material lösen. Welchen Arbeitsalltag haben Sie für sich entwickelt?

Ich sitze selten mehr als acht Stunden am Tag im Schneideraum. Wichtig ist, für einen Wechsel zu sorgen: dazu gehört ein Privatleben, Freizeit. Das ist essenziell für diesen Beruf. Als Filmeditorin bin ich ja meist mit diesen fiktiven Menschen alleine im Schneideraum, und mit ihnen führe ich einen geistigen Dialog. Der Wechsel zum wirklichen Leben, zu Familie und Freunden ist wichtig. Und natürlich gehe ich dann auch sehr gerne ins Kino, wenn ich an einem Projekt schneide, schaue mir andere Sachen an.

Sie haben ihre Kunst  noch am Schneidetisch gelernt. Heute schneiden Sie ihre Filme ausschließlich digital. Wie sehen Sie die Entwicklung vom analogen zum digitalen Schnitt im Arbeitsprozess eines Filmeditors?

Es ist ein grundlegend anderer Denkprozess. Junge Filmeditoren lernen den analogen Schnitt nicht mehr kennen. Ihr Denkansatz, was Struktur und Organisation des Materials betrifft, ist ein anderer. Das ist natürlich nicht zu werten. Ich schneide ebenfalls seit zwölf Jahren digital. Trotzdem bin ich mit einer anderen Organisation des Materials groß geworden. Man war früher gezwungen, den Film laufen zu lassen. Selbst im Schnelldurchgang hat man bewegte Bilder gesehen. Im Digitalen gibt es die Möglichkeit, im Material zu springen – von einem Bild zum nächsten, mit einem Knopfdruck. Da gibt es für mich aber einen essenziellen Unterschied zwischen bewegtem Bild und Standbildern. Das hat auch mit Rhythmus zu tun, der nur durch Bewegung entsteht. Es ist wichtig, sich die Bilder mit einem ganz langen Vorlauf anzusehen und eben nicht zu springen. Die digitale Technik verführt aber oft, sich diese notwendige Zeit zu sparen. Das Schauen im Fluss gibt Aufschluss über den Rhythmus insgesamt. Erst dann kann ich das Bild und einen Übergang wirklich beurteilen. Einzelne Schnitte wirken zeitlich auf die gesamte Erzählstruktur nach. Ein anderes Problem sind die vielen Fassungen, die ich digital machen kann. Früher arbeitete man an einer einzigen Arbeitskopie. Es gab immer nur eine Version des Films. Heute jongliert man mit dem Material. Es ist eine Herausforderung, das alles im Griff zu behalten. Einzelne Versionen gegenüberzustellen ist dabei eigentlich nicht sinnvoll. Ich arbeite da wie früher, obwohl ich mir natürlich zur Sicherheit Kopien mache. Drei verschiedenen Versionen im Vergleich anzuschauen, das würde ich aber nie machen.

Die Berlinale ist für Filmschaffende nicht zuletzt ein „Familientreffen“: Was haben Sie sich in den nächsten Tagen auf dem Festival vorgenommen?

Während der Berlinale schaue ich eigentlich nur Filme und treffe mich mit Kollegen. Früher gab es Zeiten, da habe ich es auf fünf Filme am Tag gebracht, und das mehrere Tage lang. Danach war ich völlig gerädert, das mache ich heute natürlich nicht mehr. Das höchste der Gefühle sind zwei bis drei Filme am Tag.

Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Karolina Wrobel