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Stefan StabenowKurzschnitt

Es muss intensiv sein!

28.12.2013

Du warst bei Filmplus 2013 für den besten Filmschnitt im Bereich Spielfilm für »Local Heroes« nominiert. Wie ist das, wenn man vom dunklen Montageraum plötzlich im Rampenlicht steht?

Es war ganz überraschend. Ich habe den Film im Herbst 2011 in Wien geschnitten – das war alles schon etwas weiter weg. Da habe ich mich einfach sehr gefreut über diese Nominierung. »Local Heroes« war ein Projekt, das ziemlich unvermutet kam. Ich kannte niemanden persönlich, die Zusammenarbeit kam über einen Freund des Regisseurs Henning Backhaus zustande. Der hatte lange Zeit allein geschnitten und es gab größere Probleme im Schnitt. Als ich die damalige Fassung sah, dachte ich aufgrund der komplexen Problemsituation, am besten montiert man den Film noch mal neu – ganz von vorne – mit "frischem Blick" sozusagen. Wir haben uns mit den Produzenten Veit Heiduschka und Michael Katz darauf verständigt, dass ich mich fünf Wochen mit dem Material zurückziehe, um eine neue Version zu schneiden. Eine spannende Herausforderung. Und eine sehr intensive, schöne Arbeitserfahrung. Durch die Nominierung habe ich mich dann wieder an diese Zeit und die Arbeit am Schnitt zurück erinnert. Das ermöglicht ja auch nicht zuletzt Filmplus: Über gemachte Erfahrungen im Schneideraum noch mal neu zu reflektieren und mit anderen Editorrinnen und Gästen über die Montage zu diskutieren.

Hast du das Gefühl, dass Filmschnitt zu wenig Beachtung bekommt, und es Veranstaltungen wie Filmplus braucht, um den Filmschnitt ins Bewusstsein zu rufen? Oder hast du das Gefühl, dass die Montage schon mehr in den Fokus gerückt ist?

Die Frage nach der allgemeinen Wahrnehmung dieser Kunstform bleibt kompliziert. Hilfreich ist, dass es ein Festival wie Filmplus gibt, um der künstlerischen Filmmontage ein Forum zu ermöglichen, einen Diskurs über sie herzustellen, auf diese Phase der schöpferischen Arbeit an einem Film zu fokussieren.

Montage ist dem Film wesenhaft. Und deswegen von essenzieller Bedeutung. Sie bestimmt maßgeblich den Charakter, die Erzähl- und "Tonart" eines Filmes mit. Und trotzdem: Gerade dadurch, dass Montage den Film zu einer Einheit verschmelzen lässt, wird sie, glaube ich, so wenig wahrgenommen. Denn diese Einheit wird natürlich mit dem Regisseur oder Autor verknüpft. Es ist schwer, den Montageprozess, der im Verborgenen passiert, zu veranschaulichen. Filmmontage ist "Denken" des Films. Man stellt sich den Film mit dem spezifischen Material, das existiert, innerlich vor. Niemand bekommt mit, was da über Monate tatsächlich im Schneideraum passiert. Es ist vor allem ein geistiger und diskursiver Prozess, eine Sache, die im Wesentlichen zwischen Editor und Regisseur stattfindet oder "im" Editor alleine. Dieser Prozess bleibt für ein Aussen unsichtbar. Und am Ergebnis lässt sich in der Regel schwer feststellen, was alles an Arbeit und Ideen mit dessen Realisierung verknüpft war. Ein Foto von einem Schneideraum zeigt schlicht ein, zwei Leute, einen Rechner, Monitore und vielleicht ein paar Fotos an der Wand.

Bei der Filmkamera hingegen verhält es sich anders: Jeder Mensch weiß schon, wie schwer es ist, ein gutes Foto zu machen. Wie schwer muss es dann erst beim Film sein! Man kennt Bilder von Filmsets: Riesige Scheinwerfer, Reflektoren, Schienenfahrten, große Teams. Man hat eine gegenständliche Vorstellung davon, wie diese Arbeit aussieht. Wie schwer sie ist etc.

Umgekehrt scheint die allgemeine Vorstellung von Filmmontage zu sein, dass das etwas ist, was schon von vornherein so geplant war und dann einfach nur noch ausgeführt wird. Es ist schwer und einigermaßen aufwendig im Nachhinein zu zeigen, dass dem nicht so ist. Auf der anderen Seite erwarte ich nicht von Zuschauern, dass sie sich mit Filmmontage beschäftigen. Ich hab es früher auch nicht wirklich getan. Ich kann es aber sehr empfehlen, denn Filmmontage ist eine faszinierende Kunstform. 

Du hast ja eigentlich Kamera und Regie studiert. Wie bist du zur Montage gekommen?

Das war – wie so oft im Leben – eigentlich nicht geplant. Montage hat mich zwar schon immer fasziniert, aber ich habe lange Zeit nicht daran gedacht, Filmeditor zu werden. Nach der Schule hatte ich dann den Auftrag einen Dokumentarfilm zu schneiden. Ein Film, der vom literarischen Übersetzen handelte. Ich war 2003 gerade zurück nach Berlin gezogen. Mir hat das viel Spaß gemacht, mich mit der thematisch für mich so neuen Welt des literarischen Übersetzens zu beschäftigen. Und es wurde reizvoller für mich, weiter Filme zu schneiden. Ich lernte Filmschaffende und Regisseure in Berlin kennen und schon 2004 durfte ich zwei lange Spielfilme schneiden: »Schläfer« von Benjamin Heisenberg, den ich zusammen mit Karina Ressler geschnitten habe, und »Falscher Bekenner« von Christoph Hochhäusler. Die liefen beide in Cannes in der Reihe »Un Certain Regard«. Und so wurde der Beruf des Fimeditors für mich eine immer ernsthaftere Option. Es kamen weitere Angebote, ich hatte das Gefühl, es gibt Bestätigung, und weil die Arbeit mich faszinierte, konnte ich mir immer besser vorstellen, sie weiter zu verfolgen.

Würdest du sagen dass du aufgrund deines Studiums einen anderen Blick auf das Material hast, das du anders schneidest?

Ja, ich glaube sehr. Ich erinnere mich noch gut an das Studium, vor allem das Kamerastudium war für mich von Bedeutung in Bezug auf meine spätere Arbeit. In der polnischen Filmakademie in Lódz haben wir damals ausschließlich auf 35mm gedreht Wir bekamen aber sehr wenig Material. Da musste man sich schon genau vorstellen, was man dreht und wie man das später montieren würde. Also war es Voraussetzung für ein Gelingen, sich zu disziplinieren, sich den Film in seiner montierten Form schon während des Schreibprozesses so genau wie möglich vorzustellen. Ganz konkret die Bilder vor dem inneren Auge zu haben war spätestens damals für mich sehr wichtig.

Wie sieht Deine Arbeitsweise beim Schneiden aus? Wie gehst Du da vor?

Für mich ist die Hauptarbeit beim Schnitt eigentlich immer das Material kennenzulernen, also das "Sichten". Und dann besteht mein Ehrgeiz gewissermaßen darin, das Material "auswendig" zu kennen. Oder zumindest aus der Erinnerung heraus auf die Dinge zurückgreifen zu können, die beim ersten Sichten auf mich einen besonderen und starken Eindruck gemacht haben. Ich hab da auch meine Hilfsmittel, ich mache natürlich Markierungen, oder notiere mir etwas. Aber eigentlich ist dieser Prozess insgesamt eher passiv. Ich lasse das Material auf mich wirken, oder dann doch aktiver ausgedrückt, ich "sauge" es in mich auf. Dann beginne ich langsam erste Impulse und Assoziationen aufzugreifen und ganz "frei" zu montieren. Dabei lerne ich das Material immer besser kennen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich den Computer nicht mehr brauche, um mir eine Szene rein innerlich vorzustellen, samt Tönen. Ich versuche dann rein assoziativ zu denken und Dinge einfach zuzulassen. Dieser Prozess ist sehr vom Wesen des Materials geprägt, und immer anders. Es ist ja so, dass jedes Bild eine bestimmte Aufladung hat: Bestimmte Bilder ziehen sich magisch an, andere wiederum stoßen sich gegenseitig ab, was auch interessant und erzählerisch von Bedeutung sein kann. Und für mich ist an Montage sehr faszinierend, dass es nicht nur um eine serielle Reihung von Bildern geht, sondern ich sehe das eher als eine Art "Schichtung". Ähnlich wie bei Klängen, die zwar nicht mehr hörbar sind, aber im Innern des Zuhörers noch nachklingen, verhält es sich meines Erachtens mit Bildern im Film. Wenn ein Bild am Anfang einer Szene steht, wirkt dieses Bild nach und geht auch noch Beziehungen zu Bildern ein, die viel später am Ende dieser Szene stehen. Die Bilder wirken unbewusst in der Erinnerung des Zuschauers nach. Eine Art Nachzieh-Effekt. Oder analog zur Musik: Wie bei einem zerlegten Akkord – dem sogenannten Arpeggio. Eine Szene wird also auch zu einer Art stehenden "Bildklang". Das ist ein Aspekt, der mich fasziniert und mit dem ich mich viel beschäftige: Die synästhetische Wahrnehmung bei Film.

Du machst auch dramaturgische Beratung bei Drehbüchern. Hilft dir da wiederum deine Montagetätigkeit?

Absolut. Die wichtigste Filmhochschule für mich waren die zehn Jahre, in denen ich Filme montiert habe. Und im Schreibprozess geht es ebenfalls viel um Montage. Auch hier gilt für mich, eine möglichst genaue kinematographische Vorstellung von dem zu gewinnen, was da geschrieben wurde. Und den Film dramaturgisch bis zum Ende zu denken - möglichst genau und ohne, sich dabei in die eigene Tasche zu lügen. Denn auch diese Lügen holen einen wieder ein, später im Schneideraum, oder noch schlimmer: Bei der Filmpremiere.

Ich bin immer erstaunt darüber, wie viel im Film möglich ist und ganz speziell auch in der Filmmontage. Und ich freue mich sehr darüber, dass es im Film keine eingrenzenden Regeln zu geben scheint. Film bedeutet für mich auch Freiheit. Unendlich viele Möglichkeiten, auf die Welt zu schauen. Solange Film dem Zuschauer eine intensive Erfahrung ermöglicht – meistens im Sinne einer intendierten Erzählung entlang eines Plots, aber in manchen Fällen sogar auch ohne "lineare" oder sonstige Formen von Geschichte – sind ihm formal schier keine Grenzen gesetzt.