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Konrad KirsteinKurzschnitt

Du hast immer die Wahl, dem Auge zu schmeicheln.

28.08.2014

Wie hast du deine Leidenschaft für den Filmschnitt entdeckt?

Ich bin mehr oder weniger durch eine Freundin dazu gekommen, die beim ZDF gearbeitet und mir davon erzählt hatte. Ich habe mich dann bei einer kleinen Produktionsfirma als Praktikant beworben, wurde sofort genommen und bin da halt die nächsten zehn Jahre hängengeblieben. Damals fing es gerade an, daß man eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton machen konnte, aber meine Chefs meinten: „Ach das brauchst du nicht, das kannst du vergessen“, dann hätten sie sich auch bei der Handwerkskammer anmelden müssen und das wollten sie wohl nicht. Und so habe ich drei Jahre Volontariat gemacht, wobei ich auch Kamera, Ton und Aufnahmeleitung gemacht habe und auch Drei-Maschinen-Schnittplatz. Irgendwie bin ich dann im Schnitt hängengeblieben. Mich hat es da halt so hin geschwemmt. Aber manchmal ist es ja gar nicht schlimm, so hingeschwemmt zu werden. Ehrlich gesagt bin ich froh darüber. Schwemmgut. Dann hat einen das Leben schon ein wenig geschliffen. Das finde ich super. Aber als Kind habe ich nicht davon geträumt, einmal Editor zu sein,  da wollte ich eher Cowboy werden.

Hast Du bereits digital gelernt?

Ich habe angefangen mit einem „Drei-Maschinen-Schnittplatz“, parallel war es aber schon so, dass sie einen Avid-Media-Composer dort stehen hatten und ich habe dann in München einen Einführungskurs gemacht und direkt angefangen zu schneiden. Also gleich Magazinbeiträge für eine Computer Show, für Tabaluga TV, so etwas habe ich dann alles geschnitten. Diese Computer-Beiträge hab ich sehr gerne geschnitten, auf Musik, Screens hintereinander auf Takt, das fand ich immer ziemlich toll. Eigentlich habe ich Musik-Clips mit Computer-Themen geschnitten.

Du bist ja hauptsächlich im journalistischen Bereich tätig, also einem Genre, das um Objektivität bemüht ist. Der Schnitt ist aber ja oft auch eine Haltung des Editors. Fällt es Dir manchmal schwer, die Neutralität am Schneidetisch zu wahren?

Im Prinzip folge ich meinem Gefühl. Ich finde, man muss einfach ein Gespür für Situationen haben. Nach den ersten Absprachen schaue ich mir das Material im Schnelldurchlauf an und entscheide spontan aus dem Bauch heraus, welche Bilder dazu passen. Es ist schon wichtig, dass man bei den Dingen, die man schneidet, das Gefühl dahinter spürt. Filme – und auch Dokumentationen – sind Emotionen. Wenn ich im Kino oder zu Hause einen Film anschaue und ich werde davon nicht emotional ergriffen, dann hat er mir nicht gefallen. Ich möchte emotional mitgenommen werden. Und der Cutter ist halt der erste Zuschauer. Wenn ich merke, da ist eine sensible Situation, dann lasse ich sie auch mal eine Sekunde länger stehen. Zwei Augenschläge mehr.

Trotzdem sind ja TV-Formate doch etwas anders als Dokumentarfilme. Dann muss sich immer wieder selbst zurücknehmen und in den Dienst der Information stellen.

Ja, es kommt natürlich immer darauf an, was man schneidet. Wenn man etwas Essayistisches schneidet, kann man sich auch mehr Verkünsteln und natürlich mit subtileren Bildern arbeiten. Ich versuche immer bei den Sachen, die ich schneide, einen gewissen Stil zu pflegen. Aber es kommt natürlich immer darauf an, wie etwas gedreht ist. Manchmal muss man mit Kameramaterial klarkommen, das 08/15 gedreht ist. Damit musst ich versuchen umzugehen. Und dann gibt es Kameraleute, die drehen einfach fantastisch. Die drehen wunderbare Bilder, mit so einem Material kann man einen langweiligen Magazinbeitrag natürlich super toll schneiden.

Die Menge an Material ist ja wahrscheinlich dabei überschaubarer, oder?

Naja, es kommt schon darauf an, jetzt, wo es die digitalen Speichermedien gibt, kann es auch sein, das wir mal 40 Stunden Material für ne halbe Stunde Beitrag haben. Das muss dann tagelang eingepflegt werden, wofür im Prinzip gar keine Leute in dem Sender sind, die das machen können. Es ist schon so, dass manche Leute es einfach übertreiben mit dem, was sie drehen. Aber klar, wenn du eine Reportage drehst, weißt du gar nicht, was kommt, deswegen lässt du die Kamera einfach laufen und nimmst alles mit. Die Schwierigkeit ist dann, zu schauen was wichtig ist. Meistens haben die Redakteure das Material schon aufgearbeitet, wir sprechen dann darüber und dann sichte ich das Material, aber nicht in Echtzeit. Ich kann mich dann relativ schnell entscheiden, welche Bilder ich gut finde. Das sind Spontanreaktionen und damit liege ich eigentlich immer richtig. Natürlich gibt es immer Unterschiede. Schau dir mal zwei Filme von zwei verschiedenen Cuttern an, die dasselbe Thema haben. Das sind unterschiedliche Filme. Es ist schon so, dass jeder eine gewisse Handschrift hat.

Du hast also schon einige Freiheiten beim Schneiden?

Ja, ich habe da viele Freiheiten, ich habe auch die Freiheit mir Musik auszusuchen. Ich finde es total wichtig, auf Musik zu schneiden. Es gibt Editoren, die legen die Musik erst danach drunter. Nach dem Motto: Das passt dann schon. Das finde ich überhaupt nicht. Und wenn ich die Musik mal austauschen muss, dann schneide ich noch mal nach und verschiebe es so, dass es wieder zum Rhythmus passt.

Wie viel Zeit hast Du für ein Projekt?

Wenn ich einen 45-minütiger schneide, habe ich in der Regel 15 Schnitt-Tage dafür. Wenn man Glück hat, gibt es noch eine extra Farbkorrektur und eine extra Mischung, aber wenn dafür keine Zeit ist, muss ich am 15. Tag noch die Mischung machen und, wenn ich darauf Wert lege, auch noch eine Farbkorrektur. Da mittlerweile oft mit verschiedenen Kameras gedreht wird, schau ich natürlich, dass die Kameras einigermaßen angeglichen sind. Aber natürlich ist die Farbkorrektur, die ich am Media Composer mache, nicht so hochwertig, als wenn sie jemand machen würde der Color-Operator ist. Die Mischung mache ich schon meistens während ich schneide, während zum Beispiel das nächste Interview rausgesucht wird. Dann muss ich später nicht mehr ganz so viel machen.

Es gibt also schon einen relativ großen kreativen Eigenanteil. Es ist ja oft so, dass gerade bei TV Sendern Editoren lediglich als weisungsgebunden angesehen werden...

Ja, Knöpfchendrücker! Aber das stimmt natürlich nicht. Das ist das große Problem. Es ist ja so: Wenn man zur Künstlersozialkasse will, heißt es: „Nein, du bist Cutter, du bist weisungsgebunden.“ Ich glaube es liegt da auch immer am Begriff. Wenn du dich Cutter nennst, wirst du nicht aufgenommen. Wenn du dich Video-Editor nennst, kannst du aufgenommen werden. Es sind immer so kleine Spitzfindigkeiten. Der eine Sender führt dich als Cutter, der andere als Video-Editor. Das ist auch Teil der Problematik, dass es nicht einheitlich ist.
Aber es ist ja letztlich so, dass ich im Grunde genommen dafür verantwortlich bin, wie das Ding aus dem Schneideraum kommt. Der Inhalt ist natürlich Autorenseite, aber wie das Ding optisch aussieht, dafür ist zum größten Teil der Cutter verantwortlich. Die meisten Autoren sag mir auch: Bild ist deine Sache, das machst du, ich vertrau dir da. Ich bin für die Musikauswahl zuständig, ich bin zuständig welche Bilder ausgewählt werden, das sind ja alles meine Aufgabenbereiche.

Wird die kreative Arbeit der Editoren also nicht genug anerkannt?

Naja, man darf nicht vergessen: Früher war der Beruf des Editors hoch angesehen.
Die ältere Generation, die z.B. beim ZDF arbeitet (die meisten davon sind Frauen), die hat einen ganz hohen Anspruch an Bildgestaltung. Das ist wirklich noch ganz alte Schule, die haben noch Ahnung von Bildgestaltung und Bildaufbau, was die jüngeren Leute teilweise gar nicht mehr haben. Leute, die heute mit dem Job anfangen, sind oft welche, die gerne mit Computern umgehen, aber von Bildsprache, Bildgefühl oder Schnittrhythmus überhaupt keine Ahnung haben. Hab ich schon viele komische Sachen gesehen. Kreativität im Schnitt hat einfach mal ganz viel mit Gespür zu tun. Zum Teil sind es nur Frames, die den richtigen Punkt ausmachen.

Innerhalb der Branche werden ja den Sektionen Kamera oder Schnitt seit einiger Zeit Anteile am Urheberrecht des Filmes zugesprochen...

Worüber sich die Regisseure natürlich sehr aufregen, weil sie als alleinige Urheber gelten wollen. Aber dann sollen sie halt alleine schneiden. Generell ist das Thema Urheberrecht weiterhin schwierig. Ich bin z. B. bei der VG Bild als Urheber gemeldet. Dennoch werden dort einige Sachen, die ich geschnitten habe, nicht als Reportage, sondern als aktuelle Berichterstattung angesehen. Mit solchen Problematiken hat man oft zu kämpfen.

Es scheint als wäre es im TV-Bereich noch schwieriger, für den kreativen Anteil der Editoren zu kämpfen.

Natürlich ist es so, dass man in bestimmten Bereichen in sehr kurzer Zeit Information zusammenhängen muss, die dann als Bildteppich für die Information dienen. Aber natürlich kann man auch in der Aktualität Sachen auf verschiedenste Weise zusammenhängen, du kannst sie hintereinander klatschen, oder mit Bedacht  schneiden. Du hast immer die Wahl etwas zu machen, was dem Auge schmeichelt.

Hast du manchmal das Gefühl, dass es zwischen den Editoren, die TV und jenen, die Kino machen, so etwas wie zwei Lager gibt?

Ich weiß nicht, ob es so ein Eindruck ist, den ich habe, aber manchmal fühle ich mich ein wenig zurückgesetzt. Obwohl eigentlich niemand etwas aktiv dafür tut. Auf der 30 Jahresfeier des BFS hab ich mich mit einer Filmeditorin unterhalten, die nur Kinofilme schneidet, das war ganz interessant, weil sie es spannend fand, was ich mache. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man in so kurzer Zeit arbeiten kann.
Leider hat der BFS ja noch relativ wenig Mitglieder aus dem Bereich Fernsehen, zumindest im Rhein-Main-Gebiet, wo ich oft schneide. Ich habe auch lange überlegt, ob ich Mitglied werden möchte, weil ich dachte, mit Film habe ich ja nichts zu tun. Ich kannte Klaus Eichler aus dem Vorstand des BFS, der sagte zu mir: Mach doch mit, zusammen sind wir stark! Da hat er ja auch recht. Es ist natürlich besser wenn man sagt, wir sind 1000 Leute die beim BFS sind, und nicht nur zehn. Zusammen hat man eine wesentlich größere Schlagkraft. Am Anfang dachte ich schon, es wäre vielleicht elitär, aber wenn man die Leute kennenlernt, ist es natürlich nicht so. Das sind tatsächlich oft Vorurteile, weil man sich nicht wirklich kennt.

Aber im Prinzip geht es doch allen darum, im Schnittraum eine gute Stimmung zu haben und wirklich schön mit den Bildern umgehen zu können. Wenn man merkt, man hat eine Perle in der Hand, mit der man toll arbeiten kann, dann macht der Schnitt sehr viel Spaß. Auch wenn er nicht im Kino läuft. Die Leidenschaft ist die gleiche. Nur die Zuschauerzahlen sind beim TV manchmal höher (lacht)...