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Szilvia RuszevKurzschnitt

Die eine Sache ist eine Geschichte zu hören, die andere sie in dem Material zu entdecken.

02.10.2011

Die Wahlberlinerin und Junior-Editorin Szilvia Ruszev gewann mit dem Kurzfilm ‘Wagah‘ 2009 den Film+ Nachwuchspreis. Im gleichen Jahr schloss sie mit ihrem Diplom zum Thema Split Screen den Studiengang Montage an der HFF ‘Konrad Wolf‘ in Potsdam-Babelsberg ab. Seit 2010 ist sie dort als akademische Mitarbeiterin tätig und betreut nun das Montageforum und -labor an der HFF. Die Arbeit als freie Filmeditorin hat Szilvia Ruszev trotz ihrer Vollzeitstelle fest im Blick und schneidet derzeit einen Kurzfilm für den kommenden ‘Berlin Today Award‘.

Szilvia Ruszev, Sie sprechen fünf Sprachen, nicht nur Ihre Muttersprache Ungarisch daneben Englisch, sondern auch Deutsch, Bulgarisch und Russisch. Kam Ihnen diese Sprachenvielfalt als Filmeditoren schon zugute?

Ich bin offen für alle internationalen Projekte. Meinen Diplomfilm habe ich beispielsweise mit dem ungarischen Regisseur Szabolcs Tolnai geschnitten. Der Film wurde auf Serbisch und Ungarisch gedreht. In Berlin arbeite ich mit Filmschaffenden verschiedenster Nationalitäten. Ich habe auch schon Filme geschnitten, obwohl ich deren Sprache selber nicht spreche. Ich bin manchmal waghalsig was Sprachen angeht.

Haben Sie als Filmeditorin in Berlin bessere Chancen als etwa in Ihrer Geburtstadt Budapest?

Gegenwärtig ja! Die ungarische Film- und Kulturlandschaft stagniert, es gibt kaum Finanzierungen. Leider entstehen nur wenige Filme.

Sie schneiden gerade einen non-fiktionalen Kurzfilm mit dem Arbeitstitel ‘ABC‘. Es geht um eine 18-jährige Mutter, die mit ihrem 7-jährigen Kind zur Schule geht um lesen und schreiben zu lernen. In welcher Schule ist denn das möglich?

Die Regisseurin hat diese Familie in einem Dorf in Liberien, Westafrika getroffen, da war sie auf Reisen. Die 18-jährige Vele hat zu ihrer älteren Tochter eine schwierige Beziehung – sie ist in einem Flüchtlingslager während einer der vielen Bürgerkriege geboren. Die Mutter will ihre Zukunft und die ihrer Kinder besser gestalten und geht nun erstmals zur Schule. Der Stoff ist für mich insofern besonders, weil ich eine Geschichte erzähle, die von einer ganz anderen Kultur handelt. Eine, die ich weniger kenne und bei der ich nicht auf meine Lebenserfahrung setzen kann.

Da jetzt schon feststeht, dass der Film auf dem ‘Berlin Today Award‘ premiert wird, schneiden Sie im Hinblick auf das zu erwartende Publikum bzw. die Jury? 

Dass der Film auf der kommenden Berlinale gezeigt wird, ist natürlich toll, aber für meine Arbeit zweitrangig. Ich möchte dem Material gerecht werden. Die eine Sache ist eine Geschichte zu hören, die andere sie in dem Material zu entdecken.

Was ist mit den Gagen, wie schaffen Sie es als Freiberuflerin diese durchzusetzen?

Das sind meistens Pauschalverträge (es sei denn es geht um Fernsehproduktionen), und es hängt ganz von der Produktionsfirma und dem Projekt ab, was ich verdiene. Für einen Kurzfilm sind das vielleicht 1000 Euro, für einen langen Spiel- oder Dokumentarfilm 7000 Euro. Wenn man das auf einen Tagessatz umrechnet, kann einem schon schlecht werden. (lacht) Dafür handle ich besondere Konditionen aus, wie etwa Elterngerechte Arbeitszeiten. Aber nicht zu vergessen, ich erinnere mich gerne an die meisten Filme, die ich geschnitten habe.

Erst haben Sie an der HFF Montage studiert, jetzt unterrichten sie das Fach. Wie gefällt Ihnen dieser Perspektivwechsel als Lehrende am gleichen Ort?

Für mich fühlt sich meine Dozentenrolle wie ein verlängertes Studium an, denn soviel Erfahrung kann ich ja noch nicht weitergeben. Dafür kann ich mich gut in die Studierenden hineindenken und weiß sehr genau, wie ich sie packen und fördern kann.

Was unterrichten sie aktuell an der HFF?

Eines meiner Fächer heißt Montagelabor und der Name fordert zum Experiment auf. Wir  bereiten ein urbanes Streetscreening für drei Fenster an der Medienfassade des Collegium Hungaricum Berlin vor. Ende Oktober geht es los. Ein Impuls für das Projekt ist die derzeitige Ausstellung im CHB über das Lebenswerk des ungarischen Künstlers György Kovásznai – seine Zeichnungen, Malereien und Animationsfilme. Ein anderer Impuls ist ein Gebäude und keine Leinwand zu bespielen. Die umgebende Stadtlandschaft mit der vorbeifahrenden Straßenbahn kann auch Einfluss auf die Filmarbeit haben.

Warum gehen Sie mit dem Film auf die Straße, wogegen demonstrieren Sie?

(Lacht) Mein Interesse ist eher formal. Die Herausforderung ist eine Drei-Kanal-Projektion mit einer Tonspur zu erstellen. Hinzu kommt der Umgang mit den unterschiedlichen Fenstergrößen. Aber natürlich können die Studierenden ihre Inhalte darstellen, die auch politische Themen implizieren. Im letzten Semester hat ein Student die ‚entnationalisierte’ Präambel der neuen ungarischen Verfassung auf Deutsch inszeniert. Das war schon ein deutlicher Akt.

Sie haben vor einigen Jahren an einer Masterclass von Peter Greenaway teilgenommen  und dabei bei seinem Multimediaprojekt ‘Bolzano Gold‘ als Filmeditorin mitgewirkt. Was reizt Sie daran an Filmprojekten zu arbeiten, die nicht auf die klassische Kinoleinwand gehören?

Diese künstlerische, von Regeln und Zwängen befreite Herangehensweise an das interessiert mich. Peter Greenaway ist auf der Suche nach einer neuen Bildsprache, er sucht sie im Barocken. Er sagt, das narrative Kino sei tot. Mich hat seine Konzentration an der Arbeit und sein geistiger Reichtum inspiriert ­– sich das Experiment tatsächlich zu trauen. Es geht darum, dass man nicht nur alles ausprobieren kann, sondern auch muss.

Sind Sie der Meinung, dass den Studierenden der persönliche künstlerische Beitrag an einem Film zu wenig bewusst ist – oder anders – das Editoren noch mehr aus dem Eckenchen des Schneideraums herauskommen und eine Sprache für ihre Arbeit finden müssen? (Kurzschnitt mit Gerhard Schumm / Februar 2011)

Ich habe festgestellt, dass es einen Unterschied gibt, zwischen Editoren die Montage studiert haben und solchen, die den Berufseinstieg ohne Studium schaffen. Letztere sehnen sich oft nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Montagearbeit, genau da entwickelt sich ja ein Bewusstsein über das eigene Tun. Das ist aber meine Hochschulperspektive. In der öffentlichen Wahrnehmung müssen wir unsere künstlerische Leistung tatsächlich noch deutlicher machen. Ein Grund für mich in den BFS einzutreten, lag genau hier.

Das Interview führte Ute Bongartz.