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Claudia WolschtKurzschnitt

Claudia Wolscht

Der Stil des Schnitts ergab sich aus dem Inhalt, wir haben uns die Form gesucht, die unsere Meinung nach, dem Inhalt am besten entspricht.

04.11.2010

Claudia Wolscht ist seit 1990 Mitglied des BFS. 1986 war sie gemeinsam mit Catherine Laakmann und Rolf Hamacher an der Entstehung des Programmkinos Metropolis in Köln beteiligt. Nach Schnitt-, Regieassistenzen und Continuity, konzentriert sie sich seit 1993 allein auf den Filmschnitt. Mit "Gelübde" (2007) begann ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dominik Graf. 2008 setzte sich die gemeinsame Filmarbeit fort: „Im Angesicht des Verbrechens“ gewann als Bester Mehrteiler 2010 den Deutschen Fernsehpreis.

„Im Angesicht des Verbrechens“ hat den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Sie, Frau Wolscht waren die Editorin. Herzlichen Glückwunsch.

Danke.

Das gesamte Filmteam stand auf der Bühne um den Preis entgegen zu nehmen. Wurden damit alle am Film Beteiligten gewürdigt?

Ich finde es gut, als Team für den Film auf die Bühne zu gehen und nicht alleine, man hätte aber die Personen noch deutlicher erwähnen oder vorstellen sollen.

Im Vorfeld hat es Kritik von Filmschaffenden gegeben, weil der Deutsche Fernsehpreis auf die Auszeichnungen sämtlicher Einzelleistungen verzichtet. Das betrifft den Schnitt, Drehbuch, Regie, Kamera. etc. Wird Ihrer Meinung nach die kreative Leistung des Editors nun nicht mehr genug gewürdigt?

Zum einen ist da der politische Standpunkt. Hier glaube ich, geht es uns allen natürlich so, dass wir das Gefühl haben, die allgemeine Produktionssituation spiegelt sich auch in der Ausrichtung dieser Preisverleihung wider. Die Produktionsbedingungen werden von Jahr zu Jahr schlechter, die Gagen werden gedrückt, Drehtage und Schnittzeiten gekürzt, die Kommunikation immer undurchsichtiger und alles wird kleinlicher und misstrauischer gehandhabt. Immer wenn man mit Kollegen spricht, hört man von Ärger, Unbehagen und Verschlechterungen. Wenn dann auch noch die wenigen Anerkennungen scheinbar so respektlos und lapidar abgeschafft werden, ist das der berühmte`Tropfen´ oder auch ein Symbol dafür, wie wenig wir uns als Filmschaffende in unserer Arbeit respektiert fühlen.

Und Ihre persönliche Haltung dazu?

Ich halte die neue Handhabung der Preisverleihung nicht für optimal. Aber es ist schon besser als es in den letzten Jahren, wo die meisten Einzelleistungen ja auch nur am Rande ausgezeichnet wurden. Grundsätzlich steht für mich der Film im Vordergrund. Meiner Meinung nach, kann Schnitt nicht unabhängig vom Film beurteilen werden.

Der Mehrteiler„Im Angesicht des Verbrechens" ist eine Milieustudie über die russische Mafia. Es geht um Mädchenhandel und Drogenschmuggel sowie die Suche nach Gerechtigkeit und der Liebe in der Großstadt. War es die Absicht im Schnitt nah an der Realität zu arbeiten oder wollten Sie die Dramatik des Themas eher noch steigern?

Das Drehbuch ist derart realistisch und dramatisch, dass es eigentlich nur darum ging, die Personen zum Leben zu erwecken. Ich finde, wenn man die Serie guckt hat man das Gefühl, diese Menschen existieren wirklich, es ist fast "dokumentarisch".

Was war denn Ihre persönliche Herausforderung im Schnitt?

Die größte Herausforderung war natürlich die ungeheure Menge an Mustern und die lange Zeit, die ich an dem Film gearbeitet habe. Das hat mich schon erst mal abgeschreckt. Die zehn Folgen, die zu Beginn noch acht Folgen waren, wurden ja gleichzeitig gedreht. Normalerweise werden Serien in Staffeln à vier Folgen o.ä. aufgeteilt, aber hier musste man im Prinzip das Material von vier bzw. fünf Filmen organisieren und bewältigen. Das ging auch nur mit hoch qualifizierten Assistenten, die ich zum Glück hatte: Patricia Testor und Anne Braun ­ohne die beiden hätte ich das nie geschafft.

Können Sie den Schnittstil bei „Im Angesicht des Verbrechens" beschreiben?

Der Stil des Schnitts ergab sich aus dem Inhalt, wir haben uns die Form gesucht, die unsere Meinung nach, dem Inhalt am besten entspricht. Das hört sich vielleicht etwas allgemein an, aber bei so viel Filmzeit und derart komplexen Figuren und Erzählsträngen, ging es uns darum, möglichst "gefühlsecht" die Geschichten zu erzählen. Dadurch ergab sich der Stil, er lag nicht von vorn herein fest. Manchmal war es einfach die Lösung für ein Problem, zum Beispiel ein Zeitproblem. Die Folgen mussten ja alle eine bestimmt Länge haben.

Sie haben bei diesem Projekt über einen langen Zeitraum – zwei Jahre lang – mit Dominik Graf zusammengearbeitet, was zeichnete diese Zusammenarbeit aus?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wir haben ein sehr gutes, harmonisches Verhältnis. Ich bewundere sein Können, seine Arbeitsweise, seinen Überblick und habe jeden Tag im Schneideraum etwas gelernt. Auch spüre ich immer, dass er unsere Arbeit im Schnitt respektiert.

Auffallend an Ihrer Filmographie ist, dass Sie überwiegend als Editorin für TV Spielfilme gearbeitet haben. Was hat Sie dort hingezogen?

Das hat sich so ergeben. Dokumentarfilm habe ich mir lange nicht zugetraut... und dann wurde er mir nicht mehr angeboten.

Ihre Mitgliedschaft im BFS war Jahre lang eine sehr aktive, Sie waren Vorstandsmitglied für NRW. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser ehrenamtlichen Arbeit für den Verband gemacht?

Das Wichtigste, was ich aus dieser Zeit für mich gelernt habe, ist den Kontakt zu den Kollegen auf zubauen und zu halten. Ich habe deutlich das Gefühl, dass die Vereinsamung im Schneideraum und Isolierung unseres Berufsstands vom restlichen Team immer weiter fortschreitet und das schwächt natürlich unsere Position....

Gibt es etwas, was Sie in dieser Zeit erreichen oder entwickeln konnten?

Als ich damals die Arbeit in NRW, d.h. Köln aufnahm, war der Verband dort eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Im Laufe der Jahre haben wir uns dann aber gefunden und hatten eine Zeit lang wirklich einen guten Kontakt und Zusammenhalt, der dann durch die Umstände (Wegzug, Arbeiten in anderen Städten, berufliche Veränderungen) langsam wieder einschlief. Aber so etwas steht und fällt immer mit den konkreten Menschen vor Ort und diese Wellenbewegung kann man in anderen Städten ebenfalls beobachten.

Wie schätzen Sie die Situation des BFS heute in Köln ein?

Zur Zeit gibt es in Köln wieder ein Bedürfnis nach Treffen und auch Personen, die sich engagieren. Mich freut das sehr und wenn ich in Köln bin, gehe ich auch immer hin. Ich versuche aber auch immer in der Stadt, in der ich gerade arbeite, die Treffen zu besuchen und habe auf diese Weise schon viele nette Kollegen kennengelernt und auch einen besseren Anschluss und Informationen bekommen.

 

Das Interview führte Ute Bongartz.