TELEFON 030 - 23 63 38 66 Mitglied werden intern
Bitte BFS-Benutzernamen und Passwort eigeben:
Volltext-Suche in der Website English

 

Tina FreitagKurzschnitt

Tina Freitag

Der Spannung nachzuspüren ist mein Alltag.

07.01.2015

Wie bist Du zum Filmschnitt gekommen?

Der Weg dahin war ein bisschen absurd: Ich ging mal davon aus, dass ich Regisseurin werden will. Ich wollte dringend einen Film mit Sting machen, weil ich »Quadrophenia« gesehen hatte und die Musik von »The Police« liebte und dachte: Ich will den kennenlernen und muss den inszenieren, damit ich den nicht als Groupie Backstage kennenlernen muss. Und deswegen ging ich auf eine Schauspielschule, weil mir gesagt wurde, dass man als Regisseurin mit Schauspielern umgehen können muss. So dachte ich mir, es wäre eine gute Idee den Beruf des Schauspielers zu lernen. Ich flog dann aber nach einem Jahr von der Schauspielschule weil mir gesagt wurde: Du beobachtest dich zu viel, du musst etwas machen, was beobachtet. Du bist ein Bühnenflüchter und keine Rampensau. Damit hatten die auch einen Kern getroffen, das war mir auch bewusst.

Und dann hast Du Dich für den Beruf der Editorin entschieden?

Ja, dann habe ich Bühnenflüchter überlegt, was ich machen kann, was in Richtung Beobachten geht und so kam nach meiner Recherche auf den Beruf der Schnittmeisterin. Das war Anfang der 1990er Jahre, da geschah alles noch analog auf Zelluloid. Ich habe mich dann lange um ein Praktikum bemüht, um mal zu gucken, was für ein Beruf das ist. Nach dem Praktikum wurde ich zur zweiten Schnittassistentin im analogen Schneideraum und begriff peu à peu, was Schnittmeisterin für ein toller Beruf ist. Wie viel Ruhe und Vertrauen da herrscht, wie viele Möglichkeiten es gibt, Geschichten zu erzählen, Filme zu schaffen und zu schöpfen und Erzählstrukturen zu beeinflussen. Die Idee Regisseurin zu werden habe ich dann ad acta gelegt, weil ich gemerkt habe was Regisseure alles an theoretischem Unterbau brauchen, den ich nicht mitbrachte und weil meine Hochachtung vor dem Beruf des Schnittmeisters gestiegen war und ich dachte: Das ist genau das, was ich machen möchte. Und dann bin ich über erste Schnittassistenz im analogen und später dann im digitalen Schneideraum irgendwann selber zu Filmeditorin geworden.

Im Schneideraum kannst du ja Deine Leidenschaft des Beobachtens vollends ausleben.

Genau, und zwar ohne irgendeine Form des Rampensäuischen! Ich muss auch kein Team oder Schauspieler dirigieren, sondern ich brauche einfach nur auf meine Knöpfe zu drücken, nachzudenken und Bauch und Herz sprechen zu lassen. Und ich finde diese geschützte Atmosphäre in der ich arbeiten darf ganz wunderbar.

Haben Deine Erfahrungen in der Schauspielschule Einfluss auf deine Arbeit gehabt? Achtet man mehr auf das Spiel der Darsteller?

Ich glaube, dass das eine Jahr an der Schauspielschule mir natürlich nicht geschadet hat, ich glaube aber auch, dass jeder, der sich im Schneideraum mit dem Material beschäftigt, einfach dieses Auge entwickeln muss, diesen genauen Blick entwickeln muss, weil nur über die Genauigkeit so etwas wie Leichtigkeit entstehen kann oder zumindest der Eindruck erweckt werden kann, das sei alles aus einem Guss. Das geht ja nur, weil sich jemand sehr lange und sehr genau mit dem Material beschäftigt hat und sehr genau darauf geguckt hat.

Wie sieht deine Arbeitsweise aus bist du sehr autonom im Schneideraum oder arbeitest du viel mit der Regie zusammen?

Das kommt ganz auf den Regisseur an. Aber ich arbeite viel mit Kai Wessel zusammen, wir kennen uns schon sehr lange und da kann ich sehr autonom arbeiten. Er hat die sehr angenehme Old-School-Angewohnheit, jeden Abend nach dem Dreh in den Schneideraum zu kommen und Muster zu gucken, egal wie spät es ist. Oft bringt er auch einen großen Teil vom Team mit, die dankbar sind, dass es einen lebenden Schneideraum gibt, dass man das Material in einer gewissen Größe und farbigen Abgestimmtheit gucken kann und nicht übers Internet oder auf kleinen iPhone-Monitoren. So ist es immer ein sehr intensives gemeinsames Muster gucken, mit einer Abstimmung über Favoriten oder Tendenzen. Ab dann arbeite ich so vor mich hin, bis es sozusagen nach Drehende einen Rohschnitt gibt, so etwas wie »meine Fassung«. Oder die, von der ich glaube, dass sie für den Film im Moment am richtigsten ist, ohne ein Film zu sein, sondern eher etwas wie ein verfilmtes Drehbuch. Das ist eine sehr autonome und autarke Phase.

Du arbeitest viel im Bereich Fernsehen und Fiktion. War das eine bewusste Entscheidung?

Das hat sich einfach so ergeben. Ich glaube zum einen liegt das am Standort Hamburg, weil hier wenig Kino gemacht wird und zum anderen auch ein bisschen an der langjährigen Zusammenarbeit mit Kai. Die Art wie er arbeitet und das was dabei herauskommt schätze und mag sehr. Und aus dieser Verbundenheit heraus sage ich dann auch zu, den nächsten Stoff oder das nächste Buch mit ihm machen. Aber wenn andere Regisseure eine interessante Geschichte haben, dann sag ich gerne zu, ohne Wert darauf zu legen, ob das nun Kino oder Dokumentarfilm ist. Mich interessiert die Geschichte oder der Mensch dahinter. Wenn es interessante Angebote gibt, ist das ein ganz toller Zustand. Welche Art der Verwertung dieser Film nachher findet oder für was er vorgesehen ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich mache lieber gute Geschichten fürs Fernsehen, wo sie manchmal eben auch noch realisiert werden, als eine Geschichte die vielleicht ein schlechtes Fernsehspiel war, aber dringend ins Kino soll.

Hast du manchmal das Gefühl dass du deiner Kreativität im TV-Bereich an deine Grenzen stößt?

Im Gegenteil! Ich habe vielmehr den Eindruck, dass die Produktionen oder auch die Redaktionen sich darüber freuen, wenn sie in Richtung der Kinostandards gehen. Wenn man sich teilweise die Namen der Kameramänner angeguckt und den Aufwand, der für das Sounddesign betrieben wird, beachtet – das hat alles nichts mehr damit zu tun, wie vor 20 Jahren Fernsehspiele gemacht worden sind. Heute ist es viel aufwändiger und orientiert sich mehr am Kino.
Aber natürlich kann man sich manchmal nicht ewig viel Zeit nehmen für gewisse Erzählstrukturen, weil die Sehgewohnheiten anders sind, man hat nur 90 Minuten und an gewissen Punkten braucht es einen Plotpoint. Da gibt es im gewissen Sinne schon eine "fernsehentsprechende Norm". Aber das ist ja meist in den Drehbüchern angelegt, auch in guten Drehbüchern, mit denen du dann auch ganz tolle 90 Minuten erzählen kannst.

In deiner Filmographie tauchen immer wieder Krimis auf. Ist das eine andere Art zu schneiden? Gibt es Besonderheiten, wenn man Spannung schneidet?

Ich finde, unabhängig davon ob Krimi oder nicht, sollte jede Szene eine Spannung haben. Auch wenn die vielleicht nur sehr ahnbar ist, nur in einer homöopathischen Dosis, weil der Moment der Geschichte gerade noch keine Spannung zulässt – aber es muss eine gewisse Spannung zwischen den Figuren oder innerhalb des Erzählten geben. Weil man sonst nicht dranbleibt. Ich bemühe mich eigentlich immer, Schnitte zu machen die sich innerhalb eines Spannungsbogens befinden. Der war bestimmt mal da, beim Schreiben des Drehbuchs, bei der darauffolgenden Destillation, wofür die Szene erzählen werden soll und wenn es gut geht wird er in die Inszenierung übertragen, in das Spiel der Schauspieler. Da muss man eine Art inneres Tempo der Spannung finden: Wann muss die anziehen, wann darf man sie wieder loslassen. Das zu finden oder dem nachzuspüren, das ist glaub ich der Alltag meiner Arbeit, egal ob das Genre Krimi ist oder nicht.

Du bist gerade für den Spreewald Krimi von der Deutschen Akademie für Fernsehen mit dem Preis für Filmschnitt ausgezeichnet worden. Was war das Besondere an diesem Schnitt?

Das war ein wahnsinnig dankbarer Film bzw. ein dankbares Buch für den Schneideraum. Es gab die Erzählform in der Vergangenheit, in der Gegenwart und große Teile in der Zukunft. Wo sich diese Ebenen begegnen haben wir eigentlich im Schneideraum entschieden. Es gab natürlich Strukturen, wo sich welche Geschichte wie weiterentwickelt, aber die Dosage der einzelnen Zeitebenen zueinander ist im Schneideraum entstanden. Das mag Leuten gefallen, andere finden das vielleicht zu aufdringlich. Bei solchen Drehbüchern, die etwas mit überraschenden und nicht vorhersehbaren Erzählmomenten zu tun haben, muss man im Schneideraum immer wieder den Kopf öffnen und denken: Wie weit sind wir hier, was haben wir uns schon getraut, wo können wir die Schraube noch eine Drehung anziehen und das weitertreiben, was wir im Buch schon als Grundlage hatten.

Hast du das Gefühl dass solche Auszeichnungen dem Schnitt helfen mehr wahrgenommen zu werden?

Ich glaube schon. Ich habe schon sehr geschmunzelt, als ich in Köln bei der Deutschen Akademie für Fernsehen war und mir irgendwann bewusst wurde, dass ich für einen Film nominiert wurde, bei dem der Schnitt wirklich sehr auffällig ist. Auffällig viel und auffällig unterschiedliche Farbigkeit, der springt einen regelrecht an. Und das ist ja eigentlich, wenn wir von Schnitt reden, gar nicht die Norm. Der Schnitt soll ja eigentlich gar nicht auffallen. Aber natürlich sind solche Preise wertvoll für unser Gewerk.

Dennoch wird oft nur die technische Seite wahrgenommen, die kreative Seite der Montage wird von vielen gar nicht gesehen...

Das stimmt, ich war im Zuge der Nominierung für den Spreewaldkrimi bei einer Podiumsdiskussion, da bezogen sich die Fragen, die an mich gerichtet wurden, ausschließlich auf die Technik mit der ich arbeite. Da war ich erstaunt, ich dachte vielleicht gibt es andere Sachen, die die Leute interessieren. Andererseits haben wir auch Veranstaltungen wie Filmplus und da kriegen wir als Gewerk ein ganz tolles Forum. Wahrscheinlich muss jeder seinen kleinen Teil dazu beitragen, dass unser Beruf eine gewisse Wahrnehmung erfährt. Man muss darüber reden. Ich merke auch immer wieder, dass meine Kollegen am Set nicht genau wissen was ich da eigentlich in meiner Kammer arbeite. Und wenn ich sie zum Muster gucken einlade, z. B. wenn ich wie beim Spreewaldkrimi in der Nähe des Drehortes schneide, dann kommen sie gerne und sind interessiert und begreifen auch einiges. Dann heißt es oft: »Ach deswegen machen wir das alles hier, damit es im Schneideraum irgendwie zusammen geht.«